Roman „Grand Hotel Europa“: Gäste des Enfant terribles

Universalgelehrte, lebenslustige Griechen, eine Caravaggio-Expertin und ein Page verströmen in Ilja Leonard Pfeijffers neuestem Buch morbiden Charme.

Beleuchtetes Hotel bei Nacht

In Pfeijffers Roman erfahren wir nicht wo das Grand Hotel liegt, es könnte also in Stockholm sein... Foto: imago / Jonas Ekströmer

Der Ich-Erzähler im Roman des Niederländers Ilja Leonard Pfeijffer – ein, wie es heißt, „bekannter Autor“ namens Ilja Leonard Pfeijffer – hält seinen Einzug in das illustre, ein wenig dem Verfall geweihte Grand Hotel Europa, um dort darüber nachzudenken, warum eigentlich die Sache mit Clio schiefgegangen ist, einer Frau, in die er sich in Genua unsterblich verliebt hatte und mit der er nach Venedig gezogen war.

Das titelgebende Hotel, das sich in einem ungenannten Land irgendwo im Herzen Europas befindet, verströmt den morbiden Charme des 19. Jahrhunderts, als dort noch die europäische Aristokratie ein und aus ging.

Geleitet wird es von einem „Majordomus“ namens Montebello, der sich um das Wohlergehen seiner – allesamt etwas skurrilen – Dauergäste kümmert. Für die eher praktischen Belange der Gäste ist der „Piccolo“ Abdul zuständig, ein Flüchtlingsjunge, mit dem sich der Icherzähler gern einmal bei einer Zigarette unterhält.

Dort quartiert sich die Hauptfigur ein und lässt die Geschichte seiner großen Liebe Clio Revue passieren. Sie war Kunsthistorikerin aus altem Genueser Adel und Caravaggio-Expertin. Kurz nach ihrem Kennenlernen findet sie eine Anstellung in Venedig, und der Icherzähler folgt ihr dorthin.

Nachdenken über Europa

Clio reicht ihm zuverlässig die Themen an, um die sich der Roman rankt: den Massentourismus etwa, dem Orte wie Venedig, Amsterdam oder das kleine niederländische Moordorf Giethoorn anheimfallen, die Suche nach einem verschollenen Caravaggio-Gemälde oder, eingebettet in alldem, das Nachdenken über Europa und die europäische Kultur.

Der klug konstruierte Roman folgt zwei großen Handlungssträngen. Im Mittelpunkt des ersten stehen die Ereignisse im Hotel – der Umbau durch den neuen Eigentümer und der wachsende Zustrom chinesischer Gäste – sowie die Gespräche mit dem Majordomus, dem lebenslustigen Griechen Volonaki, dem Universalgelehrten Patelski, der verrückten Dichterin Albane und, vor allem, dem Pagen Abdul, der dem Icherzähler beziehungsweise Autor Episoden seiner tragischen Flucht erzählt, damit dieser sie aufschreiben möge.

Der zweite Handlungsstrang bildet den Zeitraum ab, den der Icherzähler mit Clio verbracht hat – einer Frau „mit Gebrauchsanweisung“, wie man in den Niederlanden sagen würde. Klug und charmant verfügt Clio allerdings über eine sehr kurze Lunte: Der kleinste Flügelschlag reicht aus, um einen Riesenstreit zu entfachen.

Das alles ist kunstvoll miteinander verwoben und lenkt immer wieder auf das zentrale Thema des Romans hin: die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des europäischen Kontinents.

Erinnert an Grimmelshausens „Simplicissimus“

Der 1968 bei Den Haag geborene und promovierte Altphilologe Ilja Leonard Pfeijffer, mit Wohnsitz in Genua, gilt in den Niederlanden als Enfant terrible, weil er in seinem Schreiben kein Blatt vor den Mund nimmt. Er pflegt dabei einen etwas barocken Stil, der, gepaart mit selbstironischer Distanz, bisweilen an den „Simplicissimus“ eines Grimmelshausen erinnert.

In „Grand Hotel Europa“ wechseln sich dabei längere essayistische Passagen mit saftigen Dialogen und ironischen, nicht selten slapstickartigen Situationsbeschreibungen ab, ohne dass es jedoch als störend oder gar als Stilbruch erscheint. Vielmehr hat man als Leser das Gefühl, dass es genauso sein muss.

Dabei hält der Erzähler immer wieder inne und versichert dem Leser, dass er das soeben Geschriebene in seinem fertigen Roman natürlich so nicht verwenden werde. Ein für weite Teile seines Œuvres typisches Spiel mit Wahrheit und Fiktion, das in „Grand Hotel Europa“ auf die absurdesten Spitzen getrieben wird.

„Grand Hotel Europa“ ist eine faszinierende Lektüre. Ilja Leonard Pfeijffer verfügt über eine scharfe Beobachtungsgabe, ist versponnen in seinen Gedankengängen, klug in seinen Urteilen, wild und frech in seiner Fabulierlust, treffsicher in seinen Pointen und vor allem ein großartiger Unterhalter.

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