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Riestern geht in Rente

Die Koalition hat sich auf eine Reform der privaten Altersvorsorge geeinigt. Ab Januar 2027 soll der Nachfolger für die Riester-Rente an den Start gehen. Das bietet An­le­ge­r:in­nen neue Möglichkeiten – auch mit ETFs

Bei der staatlich geförderten Rente weht bald ein neuer Wind. Nachhaltige Geldanlagen können sich dann lohnen Foto: Foto:Bianca Schaalburg/dieKLEINERT.de/picture alliance

Von Dierk Jensen

Die nach dem früheren SPD-Bundesminister für Arbeit, Walter Riester, benannte Rente ist bald Geschichte. Ende März hat der Bundestag dies mehrheitlich beschlossen. Tatsächlich weint kaum jemand dieser Anfang der 2000er gestarteten staatlich geförderten freiwilligen Altersvorsorge eine Träne nach, weil die gutgläubigen Anleger in den meisten Fällen – verkürzt gesagt – einfach keine Renditen erwirtschafteten.

So wird nach dem Willen der Koalition die Riester-Rente durch neue, flexiblere, renditenstärkere und kostengünstigere Produkte ersetzt. Und zwar ab 2027. „Ein zentraler Bestandteil der Reform ist die Öffnung der steuerlichen Förderung für ein Altersvorsorgedepot ohne Garantie. So können Bürgerinnen und Bürger von Kapitalanlagen mit höheren Renditechancen profitieren, zum Beispiel durch global gestreute Aktien, sogenannte ETF“, heißt es auf der Website der Bundesregierung.

Dieser Paradigmenwechsel in der bundesdeutschen Altersvorsorgepolitik sorgt aktuell in der Finanzwelt für reichlich Bewegung. „Da rauchen die Köpfe“, weiß Jan Scharpenberg, Rentenexperte beim Geldratgeber Finanztip. Gehe es doch um einen zukünftigen Riesenmarkt für Finanzgeschäfte, dessen Volumen von Insidern mit dem Zeithorizont bis 2040 auf eine Billion Euro geschätzt wird.

Unabhängig davon sieht Scharpenberg mit den neuen Ansätzen, „eine historische Chance, die staatlich geförderte private Altersvorsorge mit ETF und Steuerersparnissen endlich zu einem gewinnbringenden Vorhaben für die Sparer zu etablieren“. Überdies erhöht sich die staatliche Grundförderung – unabhängig von den Erlösen im Depot – von gegenwärtig 480 Euro auf dann 540 Euro. Voraussetzung für einen zukünftigen Erfolg des Altersvorsorgedepots ist allerdings, so mahnt Scharpenberg an, wie die zukünftigen Finanzprodukte für „Otto Normalverbraucher“ einfach und nachvollziehbar am Markt platziert werden.

Wichtig zu wissen: Wenngleich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht alle Details bekannt sind, besteht für all diejenigen, die bisher in eine Riester-Rente einzahlen, die Möglichkeit ins neue, oft lukrativere Altersvorsorgedepot zu wechseln. Die Kosten hierfür sind bereits konkret geregelt: Der bisherige Anbieter darf bei Verträgen, die jünger als fünf Jahre sind, maximal 150 Euro verlangen. Ist der Vertrag älter, darf er gar keine Wechselkosten berechnen. Sicherlich eine gute Botschaft für diejenigen, die noch in einem renditeschwachen Vertrag „riestern“. Um die Fehler der Vergangenheit, viele zu hohe Abschlusskosten, die sich negativ auf die Renditen niederschlagen, nicht noch mal zu wiederholen, forderte der Geldratgeber Finanztip, die Verwaltungs- und Depotkosten für alle Produkte auf maximal 0,5 Prozent gesetzlich zu begrenzen.

Wer fürs Alter anlegt, sollte wissen: Bei Weitem nicht alle ETFs sind nachhaltig

Ob man sich mit dieser Forderung durchsetzen wird, ist noch nicht abzusehen. Bisher steht eine gesetzliche Deckelung dieser Kosten mit maximal 1 Prozent im Raum. Ungeachtet dessen ist aber die Hereinnahme der ETF (Exchange Traded Funds), also an der Börse gehandelten Indexfonds, die spiegelbildlich aus den Börsenindices beispielsweise des DAX, Nikkei, S&P oder MSCI World Index gebildet werden, das wichtigste Momentum, um die staatlich geförderte Altersvorsorge zu einem Erfolg werden zu lassen. „ETF werden in der zukünftigen privaten Altersvorsorge eine zentrale Rolle spielen – nicht als Spekulationsinstrument, sondern als langfristiges Basisinvestment. Sie ermöglichen eine weltweit breite Streuung zu sehr niedrigen Kosten und bilden die globale Wertschöpfung transparent ab. Gerade vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft, eines unter Druck stehenden Umlagesystems und wachsender Unsicherheit über staatliche Rentenleistungen wird es immer wichtiger, dass Bür­ge­r:in­nen selbst Vermögen aufbauen“, hebt Experte Davor Horvart, Vorstand der Honorarfinanz AG hervor.

Das setzt allerdings voraus, dass die globale Weltwirtschaft – trotz wachsender ökologischer und kriegerischer Krisen, weiterwächst. Ein Einwand, den die ETF-Community aber schnell abbügelt: Die Weltwirtschaft erlebe seit dem Zweiten Weltkrieg, abgesehen von temporären Einbrüchen, einen einzigen Trend: nach oben. So lagen in der Vergangenheit nach Aussage von Karin Baur, Expertin für nachhaltige Geldanlagen bei der Stiftung Warentest, die Renditen am Weltaktienmarkt im langjährigen Schnitt bei 6 bis 8 Prozent pro Jahr. Was auf jeden Fall viel mehr ist, als die meisten Riester-Renten hergeben. Dabei müssen für das Alter Sparende aber wissen, dass bei Weitem nicht alle ETF nachhaltig sind. „Wer keine Kinderarbeit, keine fossilen oder atomaren Energieunternehmen und schon gar keine Waffen oder Rüstungsindustrien mit seinem Geld finanzieren will, sollte genau auf die Struktur des jeweiligen ETF schauen“, empfiehlt Baur. „Nachhaltige Fonds bekommen bei uns die Höchstnote von fünf Punkten“, erklärt Baur die Bewertungsskala der Stiftung Warentest, „und ETF erreichen dabei maximal drei Punkte.“ Kurzum: ETF retten zwar nicht die Welt, doch sorgen sie langfristig relativ risikoarm für höhere Renditen.

www.test.de/nachhaltige-fonds-etf-test-4741500-0/

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