Rettung vor der Gleichgültigkeit: Von einer, die stehen bleibt

Am Ende unseres Ausflugs stand mitten auf unserem Radweg ein einzelnes Kalb. Ich wäre gerne weiter gefahren, aber meine Freundin sah das anders.

Eine einzelne Mohnblume wächst inmitten des jungen, noch grünen Getreides auf einem Feld.

Manchmal sticht eine aus der Masse heraus Foto: dpa/Frank Rumpenhorst

Es ist ein schöner Abend. Die Luft ist weich. Die Zeit fließt. Wir sind zu viert auf Rädern unterwegs und schwirren voran auf dem Radweg. Durch den Duft von Grün, entlang am Bach und an eingezäunten Wiesen. Dann ist etwas falsch. Das Bild vor uns stimmt nicht. Da ist ein Kalb auf dem Weg. Es steht nicht hinter dem Zaun auf der Wiese, sondern vor dem Zaun. Klein und weiß. Und allein. Das Gatter hinter ihm ist offen.

Wir fahren langsamer. Was macht es hier? Ist seine Herde fort? Ist es vielleicht im hohen Gras eingeschlafen und übersehen worden, als die anderen Kühe abends in den Stall getrieben worden sind? Das Kalb sieht nicht unglücklich aus, es rupft jetzt Gras von der anderen Seite des Zauns. „Das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner“, lachen wir.

Wir sind an diesem Tag schon viel Rad gefahren. Um uns schwirren Mücken. Eigentlich wollen wir nur nach Hause. Doch meine gute Freundin steigt vom Rad ab. Sie bleibt stehen. Sie ist ein Mensch, der stehenbleibt. Der nicht weiterfährt. Sie mischt sich ein, wenn es das Leben verlangt.

„Das kann doch hier nicht einfach so bleiben“, sagt sie. Andere Menschen auf Rädern fahren an uns vorbei, schauen sich nach dem Kalb um und blicken dann wieder nach vorn zu ihrem Ziel. Ich bin müde. Ich würde jetzt auch gern nach Hause fahren, aber ich schaue meine Freundin an und weiß, es geht erst, wenn auch das Kalb zu Hause ist. Es stimmt ja auch. Es kann hier nicht allein umherlaufen auf dem Radweg. Es ist jung und bald ist es Nacht. Jemand muss sich kümmern.

Es ist ein besonderes Bild: ein weißes Kalb, allein auf einer Eisenbahnbrücke

Das Kalb hat gelbe Plaketten mit Nummern an den Ohren. Wir nähern uns ihm vorsichtig und überlegen, ob wir es hinter den Zaun zurücktreiben können. „Es ist ein junger Stier“, sagt einer von uns. „Pass auf.“ Ja, es hat kleine Hörnchen auf dem Kopf. Wir halten etwas Abstand.

Meine Freundin ruft eine Bekannte an, die viele Bauern im Ort kennt und fragt sie, wem das Kalb gehören könnte. Sie bekommt die Nummer des Ortsvorstehers, der vielleicht weiterhelfen kann. Sie beschreibt ihm, wo wir stehen. Ich schaue sie an, während sie telefoniert. Mich beeindruckt ihre Energie, die sie so spät hat. Alles ist wichtig. Da steht ein Kalb auf dem Weg, man könnte es stehen lassen, weil vielleicht andere kommen. Aber für sie gibt es keine anderen. Der Ortsvorsteher will kommen. Meine Freundin fragt, ob wir warten sollen bis er da ist. „Ja“, sagt er. Wir warten weiter.

Das Kalb läuft jetzt zu einer Pfütze und trinkt. Es frisst sehr viel Gras. Es wirkt zufrieden. Dann bewegt es sich weiter. Der Weg macht von hier eine Kurve und führt zu einer schmalen Eisenbahnbrücke, die über Schienen läuft. Das Kalb stapft zur Brücke. Es wartet. Dann setzt es seine Hufe auf die Brücke. Es ist ein besonderes Bild: ein weißes Kalb, allein auf einer Eisenbahnbrücke.

Meine Freundin läuft dem Kalb hinterher. Ein weiterer von uns folgt ihr. Wir zwei anderen bleiben auf dem Weg stehen und warten. Die Mücken fangen an zu stechen. Dann endlich fährt ein älterer Mann auf einem Elektrorad auf uns zu. „Sind sie der Ortsvorsteher“, frage ich. „Der bin ich. Wo ist das Kalb?“ Wir zeigen zur Brücke, wo es schon nicht mehr zu sehen ist. „Ich werde mich jetzt dem Tier mal nähern“, sagt der Ortsvorsteher mit wichtiger Stimme. „Und schauen, was auf der Plakette steht.“ Ich denke, dass wir ihm das auch am Telefon hätten sagen können.

Dann fährt er über die Brücke zu meiner Freundin. Zusammen mit einem anderen von uns liest der Ortsvorsteher die Ziffer auf der Plakette ab, um damit unter den Bauern zu fragen, wem das Kalb gehört. „Können wir jetzt fahren“, fragt meine Freundin. „Ja“, sagt der Ortsvorsteher. „Aber lassen Sie Ihre Telefonnummer da. Falls die Person, der das Kalb gehört, sich bedanken möchte. Weil Sie das Tier gerettet haben.“ Meine Freundin lächelt. „Ja, ich finde das toll, was Sie gemacht haben, dass Sie sich eingesetzt haben“, sagt der Ortsvorsteher.

Wir lachen später: „das Tier ‚gerettet‘“. „Gerettet eher vor Überfressen“, lacht meine Freundin. Aber der Ortsvorsteher hat ja Recht. Sie hat sich der Sache angenommen. Sie hat sich um das Tier gekümmert. Sie hat es gerettet. Sie hat etwas auf dieser Welt vor Gleichgültigkeit gerettet.

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Christa Pfafferott schreibt die Kolumne "Zwischen Menschen" für die taz. Sie wurde zum Dr. phil. in art. an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg promoviert. Sie hat zuvor Regie an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und die Henri-Nannen-Journalistenschule absolviert. Sie lebt als Autorin und Regisseurin in Hamburg.

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