piwik no script img

Report zum Wert der BiodiversitätKa-tsching, Planet!

Kommentar von

Andrew Müller

Eine britische Studie beziffert Natur und deren Zerstörung mit einer Preisliste. Das ist eine absurde kapitalistische Logik – aber vielleicht zweckmäßig.

W ir alle sind Vermögensverwalter.“ Das steht in einem aktuellen Biodiversitätsbericht der Universität Cambridge. Das Vermögen, so die Idee, sei die Vielfalt des Lebens auf dem Planeten. Und wir sind die Sparfüchse. Oder sollten uns als solche begreifen. Eine ziemlich kapitalistische Herangehensweise an den Naturschutz, die der Autor der Studie, der renommierte Ökonom Partha Dasgupta, da verfolgt.

Der Bericht wurde von dem britischen Finanzministerium beauftragt, das erklärt das Ganze vielleicht. Dieser sogenannte Dasgupta-Report ist am Dienstag erschienen und fordert einen wirtschaftlichen Paradigmenwechsel, um den Ökokollaps zu verhindern – und dafür berechnet er den „Geldwert“ der Natur. Ist das nicht absurd?

„Wir sind vollkommen abhängig von der natürlichen Welt“, schreibt der berühmte Naturforscher und Dokumentarfilmer David Attenborough im Vorwort des Berichts. Und auch Prinz Charles und Premier Boris Johnson sparten nicht mit Superlativaussagen. „Die Regeneration der Natur ist keine Luxusoption, sondern eine Notwendigkeit für unser Überleben“, sagte der Thronfolger des Vereinigten Königreichs.

Nach Dasguptas Berechnungen stecken die Staaten der Welt jedes Jahr rund 500 Milliarden US-Dollar in naturzerstörende Dinge wie fossile Kraftstoffe, Fischerei oder Düngemittel. Dadurch entstünden, wenn man die ökologischen Folgen mit einkalkuliert, Schäden im Wert von 4 bis 6 Billionen US-Dollar. Für Naturschutz hingegen flössen jährlich nur 78 bis 143 Milliarden Dollar, also lediglich 0,1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Immer weniger „Naturkapital“

In der Bilanz gehen Gewinne also zulasten des langfristigen Werts der Natur: Zwischen 1992 und 2014 habe sich das „Naturkapital“ um 40 Prozent reduziert. So einfach kann Wirtschaft sein. Diese Idee, die Natur wirtschaftlich zu quantifizieren, ist nicht neu. Und erst einmal ist es ja einleuchtend: Wir sollten mehr in unsere Umwelt investieren.

Langfristig, so das Argument, lohnt sich die Zerstörung unserer Lebensgrundlage eben auch ökonomisch nicht. Dasgupta fordert, das Bruttosozialprodukt als Indikator für Wirtschaftserfolg abzuschaffen – zugunsten einer ökologischen Bilanz mit ehrlich verzeichneten ökologischen Kosten, verbindlichen Zielen für Investitionen in Ökosysteme und vielem mehr.

Aber geht man nicht einem alten Trick des Kapitalismus auf den Leim, wenn man allem seine Logik aufdrückt? Die Vielfalt des Lebens auf der Erde ist so endlos komplex, dass es anmaßend ist, es in Geldsummen auszudrücken – diese Kategorie ergibt bei über Jahrmillionen entstandenen Ökosystemen, Arten und ihrer genetischen Diversität keinen Sinn.

Grundproblem Kapitalismus

Das Grundproblem bleibt das kapitalistische Verhältnis zur Natur selbst. Wir sind nicht nur abhängig von, sondern Teil der Natur. Das steht zwar auch im Report, aber der Dualismus bleibt weitgehend: Hier der zerstörerische Mensch, dort vermeintlich unberührte Natur. Ein technokratischer Blick, der globale Zusammenhänge ausblendet – beispielsweise Klassen- und Geschlechterverhältnisse und koloniale Ungerechtigkeit.

Heraus kommen also auch bei Dasgupta teils Lösungsansätze, die den Status quo kaum hinterfragen: Präzisionslandwirtschaft, Gentechnik. Dabei müsste man die Wirtschaft als ökologische Angelegenheit begreifen, nicht andersherum. Und doch: Die Denkanstöße sind richtig. Die politischen Impulse des Reports sollten – da sich der Kapitalismus bis 2030 wohl kaum erledigt haben wird – in den laufenden Verhandlungen für ein neues internationales Biodiversitätsabkommen unbedingt aufgegriffen werden.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

5 Kommentare

 / 
  • "Das Grundproblem bleibt das kapitalistische Verhältnis zur Natur selbst" ??



    Oder gerade das Fehlen kapitalistischer (besser: marktwirtschaftlicher) Mechanismen, weil für die Naturzerstörung kein Preis erhoben wird.

  • Das hat wenig mit dem Kapitalismus zu tun. Der Sozialismus war bisher deutlich umweltschädigender als der Kapitalismus. Man vergleiche die nahen Beispiele DDR und BRD bezüglich ihrer Umweltpolitik und -vorschriften.

    • @Luftfahrer:

      Die DDR als "sozialistisch" zu bezeichnen ist sehr gewagt. Das war eine astreine Diktatur mit Zentralwirtschaft.

      • @Bernd Berndner:

        Jede Form des Sozialismus war bis zum heutigen Tage eine astreine Diktatur.

  • "Das Grundproblem bleibt das kapitalistische Verhältnis zur Natur selbst. Wir sind nicht nur abhängig von, sondern Teil der Natur."

    Das Grundproblem ist nicht-nachhaltige Lebensweise. Das Grundproblem hat nicht nur mit der Wirtschaftsform Kapitalismus zu tun. Seit Jahrtausenden gehen Gesellschaften zugrunde, als Gründe werden Klimawandel, Erschöpfung der Ressourcen etc angenommen. Darunter viele Gesellschaften, die das Konezpt des Kapitals nicht kannten. Die aber trotzdem Menschen und Natur ausgebeutet haben. Oder kommunistische Gesellschaften. Naturerhaltend sind die auch nicht, wenn die zu groß sind.

    Über lange Zeiten bestehen geblieben, in der Natur, sind nur kleinere Gemeinschaften, zB in den tropischen Regenwäldern.