Religion in China: Rote Flagge statt Minarett

Xi Jinping propagiert eine „Sinisierung der Religionen“. Glaubensgemeinschaften werden nur geduldet, wenn sie sich dem Sozialismus unterordnen.

Männer knien auf einem grünen Teppich zum Gebet

Während des Ramadans im Niujie Viertel in Yinchuan Foto: Fabian Kretschmer

YINCHUAN/PEKING taz | Auf Onlinereiseplattformen wird die Nanguan-Moschee nach wie vor als Touristenattraktion beworben. Und tatsächlich mutet das Gebäude wie ein islamischer Prachtbau an: grüne Kuppeln, goldene Ornamente und Minarette, deren Spitzen Halbmonde zieren.

An diesem kühlen Herbstabend ist die Moschee im Stadtzentrum von Yinchuan jedoch kaum wiederzuerkennen: Hinter dem vergitterten Eingang lässt sich lediglich ein schlichter Funktionsbau ausmachen. Sämtliche arabische Schriftzeichen und dekorative Elemente wurden kurz vor der Pandemie im Zuge einer „Renovierung“ entfernt. Statt Minaretten ragt hier nun die rote Flagge der Volksrepublik China in den Himmel.

Wenn es in den Medien um den Islam in China geht, wird meist über die muslimische Minderheit der Uiguren berichtet. Das Turkvolk, beheimatet in der Region Xinjiang, wird seit Jahren brutal vom chinesischen Staat unterdrückt.

Doch weit weniger bekannt ist, dass der Großteil der Muslime im Reich der Mitte einer anderen Ethnie angehören: Die über zehn Millionen Hui sind in ihrem Äußeren kaum von Han-Chinesen zu unterscheiden. Sowohl kulturell als auch religiös sind sie weitgehend assimiliert. Und dennoch sind auch die Hui in den letzten Jahren vermehrt ins Visier der Behörden geraten.

Gebetsrufe sind verboten
Karte von China

Nirgendwo lässt sich dies besser beobachten als im nordwestchinesischen Yinchuan, wo die muslimische Minderheit ein Viertel der Bevölkerung stellt: Gebetsrufe sind längst wegen „Lärmschutz“ verboten, die Korane wurden aus den Souvenirläden entfernt.

Auch das Stadtbild hat sich nachhaltig verändert: Der idyllische Aiyi-Fluss, der behäbig durch die Zwei-Millionen-Metropole fließt, wurde 2018 von den Behörden wegen seines „arabisch klingenden Namens“ umgetauft. Wie ein Experte der örtlichen Ningxia Universität für Hui-Studien in den Staatsmedien damals erklärte, würde „Aiyi“ in den Ohren der Chinesen zu sehr nach „Aisha“ klingen – einer der fünf Ehefrauen des Propheten Mohammed. Das wiederum verstoße gegen das Gesetz: 2013 hatte die Lokalregierung nämlich beschlossen, dass Örtlichkeiten in Yinchuan nicht nach ausländischen Personen benannt werden dürfen.

Auch die Prachtstraße – vormals als „sino-arabische Achse“ errichtet – wurde 2018 in „Straße der Einheit“ umbenannt. Im benachbarten Park, der einst Touristen aus dem Mittleren Osten anlocken sollte, haben die Behörden eine riesige Halbmondstatue niedergerissen.

All jene Maßnahmen sind Teil der „Sinisierung von Religionen“, die Staatschef Xi Jinping 2016 in einer Grundsatzrede gefordert hatte: „Religionen in China müssen chinesisch ausgerichtet sein“ und „sich an die sozialistische Gesellschaft anpassen“, sagte der 69-Jährige damals. Aus seinen Worten klingt zwar, dass Xi die Existenz der Religionsgemeinschaften grundsätzlich anerkennt – diese jedoch gleichzeitig kontrolliert und reguliert werden müssen.

Effektive Überwachung

Der Slogan ist keine rhetorische Worthülse, sondern hochpolitisch: Die „Sinisierung von Religionen“ soll sicherstellen, dass auch jene Gesellschaftsbereiche, die nicht direkt der Partei untergestellt sind, effektiv überwacht werden können. Religionen sind in den Augen der KP schließlich immer auch eine potenzielle Bedrohung für die Herrschaft des Systems, da sie als Brutstätte für oppositionelle Kräfte dienen können. Etliche historische Beispiele belegen dies, etwa die katholische Kirche im kommunistischen Polen.

Wie die „Sinisierung“ anno 2022 umgesetzt wird, ließ sich Ende August eindrücklich beobachten. Als die „Katholische Patriotische Vereinigung“ – Chinas staatlich abgesegnete Kirche – bei einer Abstimmung in Wuhan eine neue Führung gewählt hatte, wurden die Bischöfe prompt ins Pekinger Regierungsviertel vorgeladen.

Beim Tee mit Wang Yan, Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros, wurden ihnen mehrere ideologische Treuegelübde abgerungen – unter anderem, dass es „notwendig“ sei, „der Gedankenlehre Xi Jinpings über den Sozialismus chinesischer Prägung zu folgen“. Ebenfalls forderte der ranghohe Parteikader Wang, dass die Kirche aktiv helfen müsse, „Infiltrierungen durch feindliche Kräfte aus dem Ausland abzuwehren“.

Dass der Staat an erster Stelle steht, lässt sich auch im muslimischen Niujie-Viertel in Peking beobachten. Hier sind ebenfalls sämtliche arabische Schriftzeichen von den Wänden der Halal-Restaurants verschwunden. Aus den Häuserfassaden ragen zwar nach wie vor geschwungene Dachsparren hervor, doch statt historisch mutet das Viertel längst wie eine folkloristische Tourismusversion an.

Und an der Moschee, die von einer mobilen Polizeiwache und Dutzenden Sicherheitskameras bewacht wird, werden derzeit Renovierungen durchgeführt. Die Bauarbeiter haben den Eingangsbereich in Plastikplanen gehüllt, auf denen in chinesischen Schriftzeichen die „12 Kernwerte des Sozialismus“ prangen, die Xi Jinping vor zehn Jahren auf dem 18. Parteikongress propagiert hat – darunter „Patriotismus“, „Demokratie“ und „Gerechtigkeit“.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de