Regisseur André Erkau präsentiert seine erste Komödie: Später Debütant

Er kann auch Komödie: Mit dem gelungenen „Happy Burnout“ hat der Bremer Regisseur André Erkau seinen ersten Film jenseits der Arthousekinos gemacht.

Ausruhen vom Erwerbsleben: Fussel (Wotan Wilke Möhring) im Klinikgarten. Foto: Thomas Kost

HAMBURG taz |Als André Erkau bei der Premiere seines Film im Hamburger Cinemaxx am Dammtor als ein „Regisseur aus Bremen“ vorgestellt wurde, herrschte betretenes Schweigen. Zum Glück wurden die ersten Einstellungen von „Happy Burnout“ erkennbar im Schanzenviertel gedreht und später sieht man sogar im Hintergrund die Köhlbrandbrücke.

Dieser Film dreht sich um den Alt-Punk Fussel (Wotan Wilke Möhring), der noch nie in seinem Leben gearbeitet hat. Doch als ihm eine Prüfung der Arbeitsagentur droht, braucht er unbedingt eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Um dieses zu bekommen, beginnt er eine Therapie als Burnout-Patient in einer stationären Klinik.

Dort herrscht eine Psychologin in gestärkter Schwestern­uniform, die an das Autoritätsmonster Nurse Ratched im „Cuckoo’s nest“ erinnern soll. Anke Engelke kann in dieser Rolle die Mundwinkel nur ein paar Minuten lang nach unten verziehen. Sie durchschaut den Plan des Simulanten sofort, sieht aber auch, wie therapeutisch der Kontakt mit ihm für andere Patienten ist. Sein lebensmüder Zimmergenosse, eine unter dem Gluckenkomplex leidende Mutter, ein arbeitssüchtiger Manager und ein Bauchredner, der am liebsten mit seiner Puppe redet, sind die für Erkau typische Gruppe von liebenswerten Lebensuntüchtigen, die sich komisch abstrampeln und doch zusammenraufen.

André Erkau, 1968 in Dortmund geboren, wuchs in Bremen auf. Hier war er einer der Gründer des Freien Theaters Bremen und bekam von András Fricsay, der in den 90er-Jahren Schauspielchef am Bremer Theater war, die Chance, dort als Regieassistent zu arbeiten. Das Schauspielen lernte er in Hamburg, hier spielte er einige Rollen in Theater, Film und Fernsehen – in der Produktion „Nicht von schlechten Eltern“ etwa. In Köln, wo er Regie lernte, galt er als schräger Vogel. Denn während Kommilitonen wie Hans Weingartner und Tobias Aman ambitionierte Spielfilme wie das„Das weisse Rauschen“ machten, interessierte er sich nur für Komödien.

Doch wie Weingartner und Aman gewann auch er mit seiner Abschlussarbeit einen der Hauptpreise beim Filmfestival Max Ophüls in Saarbrücken, dem bedeutendsten deutschsprachigen Wettbewerb für Nachwuchsfilmemacher. „37 ohne Zwiebeln“ ist ein 14-minütiger Kurzfilm, in dem ein Angestellter unter Zeitsprüngen leidet. Die Schnitte und plötzlichen Szenenwechsel des Films werden zu seiner Realität. Er weiß nicht mehr, wie er von A nach C gekommen ist, weil er B nie erlebt hat. Dafür kann er sich in Zeitlupe und Zeitraffer bewegen. Das ist komisch – und auch filmisch einfallsreich gestaltet.

Mit seinem ersten Langfilm „Selbstgespräche“, in dem es um die Angestellten in einem Callcenter geht, gewann er 2008 noch einen Max Ophüls Preis und in der Begründung der Jury wird im Grunde auch schon die Essenz seiner folgenden Filme beschrieben: „Der Regisseur verfolgt mit zärtlicher Ironie so genannte gescheiterte Existenzen, die sich nicht unterkriegen lassen wollen.“

In „Arschkalt“, Erkaus zweitem Spielfilm, teilweise in Bremerhaven gedreht, spielt Herbert Knaup einen Misan­thropen, der als Lieferant für Tiefkühlkost arbeitet. Ein für Erkau typischer Antiheld, der in der ersten Hälfte des Films immer kaltherziger wird und sich schließlich wünscht, ein Fischstäbchen zu sein.

Für Erkau typisch: liebenswerte Lebensuntüchtige, die sich komisch abstrampeln und sich doch zusammenraufen

Sein erster Publikumserfolg „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ erzählt von einem trauernden Witwer, seiner todkranken Mutter und der rebellischen Tochter, also von Unfall, Krebs und Pubertät.

Auch hier sind es wieder Außenseiter, die es Erkau angetan haben: Menschen, die ihre ganz eigenen, merkwürdigen Wege finden, um tragische Umstände zu bewältigen und dabei in absurde Situationen kommen, die er mit dem für Komödien so wichtigen Timing inszeniert.

Erkau setzte den Münsteraner Tatortkrimi „Schwanensee“ in Szene – mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers. Auch wieder eine Komödie im Stil von „The Odd Couple“ (mit Jack Lemmon und Walter Matthau). Doch weil beide Protagonisten Siegertypen sind, fehlte es Erkau an der Reibungsfläche, die er braucht, um wirklich komisch zu sein.

Einen passenden Antihelden fand er dagegen im Kinderfilm „Winnetous Sohn“: Einen pummeligen Zehnjährigen mit Brille, der davon träumt, Indianerhäuptling zu sein. Ein schöner kleiner Film, in dem der Held in einer Patchworkfamilie aufwächst und sich an alltäglichen Familienkonflikten abarbeitet, bis er schließlich zeigen kann, dass er ein großer Indianerkrieger ist. Viel Ärger bereitet ihm etwa sein Vater: ein chaotischer Musiker, der sich weigert, erwachsen zu werden. Diese Nebenrolle könnte eine Vorstudie zum Protagonisten von „Happy Burnout“ darstellen.

Wie schon bei „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ hat Erkau hier mit dem Drehbuchautoren Gernot Gricksch und mit Wotan Wilke Möhring in der Hauptrolle zusammengearbeitet. Der Film kann als eine optimistische Variante von „Einer flog über das Kuckucksnest“ gelten, denn auch hier lässt sich der Protagonist in eine Anstalt einweisen, weil er glaubt, so einer schlimmeren Bestrafung zu entgehen.

„Happy Burnout“ ist eine gut gebaute und stimmig inszenierte Komödie – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Einigen Filmkritikern reicht das nicht: Andrea Diener schrieb etwa in der FAZ, dass der Film „gerne anarchisch wäre“, aber die Abgründe fehlen würden. Doch eine Komödie ist dann gelungen, wenn der Zuschauer lacht, und ein Indiz dafür ist, dass „Happy Burnout“ nach dem ersten Wochenende in den Arthouse-Charts auf Platz zwei landete.

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