Rechter Terror: Kein Deal mit Neonazis
Die Bundesanwaltschaft will keine Kronzeugenregelung für Beate Zschäpe. Und der ehemalige Verfassungsrichter Winfried Hassemer sieht Chancen für ein NPD-Verbot.
Bild: dapd
BOCHUM taz | Im Streit über die Aufklärung der rechtsextremen Terrorserie hat die Bundesanwaltschaft Spekulationen zurückgewiesen, sie arbeite an einem Deal oder gar einer Kronzeugenregelung für die einzige Überlebende des Zwickauer Neonazi-Trios, Beate Zschäpe. "Diese Überlegung gibt es nicht", sagte der Sprecher der Ermittlungsbehörde.
Hintergrund sind Ermittlungen des Bundeskriminalamts (BKA), nach denen Zschäpe möglicherweise nicht direkt an den Morden ihrer Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt beteiligt war. "Nein, die Erkenntnisse haben wir bisher nicht, deutlich nicht", sagte BKA-Präsident Jörg Ziercke im Innenausschuss des Bundestags laut einem Protokoll, das der taz vorliegt.
Parallel diskutieren Juristen und Politiker weiter über ein Verbot der NPD. Der ehemalige Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, Winfried Hassemer, sieht dafür Chancen: Voraussetzung sei aber der Nachweis, dass die NPD Teil des Netzwerks der Zwickauer Terrorzelle gewesen sei, sagte der Jurist der Frankfurter Rundschau. Hassemers Senat hatte 2003 den ersten Versuch eines NPD-Verbots wegen der Unterwanderung der Partei durch den Verfassungsschutz abgelehnt.
"V-Leute sind Nazis"
Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) weigert sich trotzdem, die in der NPD aktiven V-Leute des Verfassungsschutzes nicht mehr als Quellen zu nutzen. "Wir brauchen einen Einblick in diese Szene, sonst wären wir auf dem rechten Auge blind", argumentiert er. Grünen-Chefin Claudia Roth forderte dagegen, Friedrich müsse den Weg für ein NPD-Verbot freimachen: "V-Leute sind keine Beamten, das sind Nazis, die müssen abgeschaltet werden."
Unterdessen wird deutlich, dass auch die Strafverfolgungsbehörden bei der Verfolgung des rechtsextremen Terrors schwere Pannen zu verantworten haben. Bereits 1998 sei klar gewesen, dass sich die drei Zwickauer Rechtsextremen im Untergrund bewaffnen wollten, berichtet der Spiegel. Trotzdem habe die Staatsanwaltschaft Gera das Neonazi-Trio als "loses Geflecht von Einzeltätern" betrachtet, das "Straftaten weder für noch im Namen bestimmter Gruppierungen oder gar einer eigens gegründeten Gruppierung" begangen habe. 1999 habe sich auch die Bundesanwaltschaft dieser Einschätzung angeschlossen.
Noch heute ist unklar, wie viele abgetauchte Rechtsextreme trotz Haftbefehl nicht zu finden sind. Zwar wurde am Donnerstag der Neonazi Andre E. verhaftet, der das Bekennervideo der Zwickauer Terrorzelle hergestellt haben soll. Der Nürnberger Gerhard Ittner dagegen verschwand 2005 während einer laufenden Gerichtsverhandlung spurlos. Trotz offenkundiger Verbindungen zum Thüringer Terrornetzwerk ist die Fahndung nach ihm bis jetzt erfolglos.
Der Innenminister Friedrich greift deshalb tief in die sicherheitspolitische Mottenkiste - und fordert die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung. Als "Zeugnis der Hilflosigkeit" wertet das nicht nur die Linkspartei: Widerstand kommt auch vom Koalitionspartner FDP. "Es hilft niemandem, mitten in der Aufklärungsphase reflexhaft alte Maximalforderungen zu stellen", erklärte deren Bundestagsfraktionschef Rainer Brüderle.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert