„Räuber-Ratten-Schlacht“ in Hannover

Symbolgewitter in der guten Stube

Ausufernde Collage: Das Schauspiel Hannover bastelt mit Schillers „Räubers“, Müllers „Schlacht“ und Hauptmanns „Ratten“.

Gewollte Symbolüberschwemmung: Ratten, Fahnen, Wirtschaftswunderwaschmaschinen Foto: Katrin Ribbe

Hat man den Hitler im Schiller erst entdeckt, verschreckt der Text dann doch: „Aus Deutschland soll eine Republik werden“, heißt es in den Räubern, „gegen die Rom und Sparta Nonnenklöster sein sollen.“ Im Schauspielhaus Hannover spricht der Chor den historisch unerträglich gewordenen Satz in eine lange Reihe chaotischer Fragmente, die peu à peu eine Fährte bilden sollen zum Deutschen Wesen. Und zum Massenmord.

Wirklich nur ein Ausgangspunkt dieser Spurensuche ist Heiner Müllers Szenenfolge „Die Schlacht“. Regisseur Alexander Eisenach inszeniert diese fünf Miniaturen je geschlossen, als klare Einheiten, über die in Frakturschrift der Titel projiziert wird. Und wenigstens diese Ordnung tut auch ganz gut, während drumherum die Brocken fliegen aus Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ und eben Schiller. „Räuber-Ratten-Schlacht“ heißt die Melange – und sie ist genauso vollgestopft wie der Titel verspricht.

Die Montage hat eine lange Vorgeschichte: Müllers brutale Episoden aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs werden fast immer im Verbund mit anderen Stücken gespielt. Schon ihre Uraufführung 1974 erlebten die Untergangsbilder aus Verrat, Kannibalismus und Brudermord zusammen mit Müllers kurzem Theatertext „Traktor“, der den NS-Schuldzusammenhang in der damaligen real-sozialistischen Gegenwart verankerte.

Kannibalen im Kolonialtheater

Ebenfalls an der Berliner Volksbühne verschnitt Frank Castorf den Stoff 20 Jahre später mit dem Lustspiel „Pension Schöller“ – und nahm so das vorfaschistische Kaiserreich in den Blick. Und dieser Richtung folgt nun auch die Hannoveraner Inszenierung, wenn sie den Stoff noch tiefer hin­eintreibt in eine Literatur, die deutscher kaum sein kann.

Dass alle drei Stücke von mörderischen Familienzwisten handeln, ist für die „Räuber-Ratten-Schlacht“ hingegen nur eine sehr äußerliche Klammer. Im Mittelpunkt steht die Abrechnung mit Schiller, die Eisenach gespickt mit bösartigem Humor, Hakenkreuzen und Off-Kommentaren als berauschendes Gaga-Fest auf die Bühne bringt. Die Spitzen gegen Schwulst und Sprache sitzen, richtig lustig wird es aber erst da, wo es auch tagesaktuell zur Sache geht.

Etwa wenn mit den Ratten auf der Bühne über das Theater an sich gesprochen wird: Hinreißend aufgeregt tobt Maximilian Grünewald und wirft mit den Zutaten der Critical-Whiteness-Debatte um sich. Wenn der Herr Direktor hier nun unbedingt sein kleines Kolonialtheater machen wollte, heißt es, dann könne er auch gleich Baströckchen und Schuhcreme holen.

Es poltert erfrischend kirre drunter und drüber: mit Blut und allerlei Deutschlandfahnen und BRD-Kitsch

Und tatsächlich schaut Müllers nächster Kannibalenakt aus, als hätte ihn wer aus einem rassistischen Bilderbuch abgezogen. Aufregend ist nun nicht der blöde Tabubruch, sondern die Hilflosigkeit, mit der Henning Hartmann als Theaterdirektor auf seinem Podest aus 18 goldenen Waschmaschinen herumfuchtelt und dem Irrsinn nichts als naiven Anstand entgegenzusetzen hat.

Acht Darsteller*innen teilen sich die Rollen der drei Stücke und wechseln munter auch die Geschlechter. Auffällig ist allerdings, dass in den meisten Szenen dann doch Frauen mit anderen Frauen (eben auch Männerrollen) spielen – und umgekehrt. So streiten in den „Frauenszenen“ die Schauspielerinnen um den Kinderraub aus den „Ratten“, während sich die Herren in homoerotischer Eintracht aufmachen in den deutschen Forst. Noch so eine Ebene, die schlicht zu viel wäre, wenn es nicht genau so gewollt wäre.

Ohne die weitschweifigen Irrungen geht es wohl auch gar nicht, wenn man Autor und Text ernst nimmt. Müller sagt ja selbst, er habe „immer nur das Bedürfnis, den Leuten so viel aufzupacken, dass sie nicht wissen, was sie zuerst tragen sollen.“ Entscheidungen wollte er erzwingen, ohne dem Publikum Zeit dafür zu lassen: „Es geht, glaube ich, nur noch mit Überschwemmungen.“

Schluss mit lustig

Und so poltert es eine ganze Weile erfrischend kirre drunter und drüber: mit Blut und allerlei Deutschlandfahnen, BRD-Kitsch und den kleinen Freuden der Wirtschaftswunderwarenwelt – Maggi, Sprühsahne und (natürlich) Persil. Das Symbolgewitter entlädt sich schließlich in der guten Stube, wo sie alle miteinander sitzen und ihre schmerzenden Seelen beklagen. Die Welt verstehe ihn nicht, sagt ein Räuber, und wie es ihn umtreibe, dieses Streben nach authentischem Leben in der Natur und so weiter. Am Rand sitzt Hitler und nickt bedächtig. Ihm geht es da ganz ähnlich.

Eine ganze Weile geht das alles auch gut, mit der lustvollen Offenheit, die sich auch für (übrigens wirklich sehr witzige) Slapstick-Einlagen nicht zu schade ist. Und das wäre ja auch alles ganz wunderbar so, wenn da nicht noch dieser riesige Aufschlag mit dem Deutschen Idealismus im Raum stünde. Denn gerade, als man sich an den Gedanken gewöhnt hat, hier offenbar keine Antworten mehr zu bekommen – da ist schlagartig Schluss mit lustig.

Als hätte wer der Besetzung zur Pause ins Gewissen geredet, sich nun aber mal zusammenzureißen, geht es von da an dröge fokussiert aufs Ende zu. Da reflektieren alle rasch ihre diversen Rollen und marschieren stramm in ein Szenario, in dem die Welt längst untergegangen ist und wir alle miteinander nur noch zehn Zentimeter Sediment in den Gesteinsschichten sind.

So, 24. 3., 17 Uhr, Schauspielhaus, Hannover. Weitere Termine: 30. 3., 7. 4., 23. 4.

Nur Schiller gibt es in dieser fernen Zukunft noch. Und dass der Witz gerade hier den Sack zumacht, scheint ganz einfach nur daran zu liegen, dass nach drei Stunden und 45 Minuten die Puste aus war.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de