Queere Ballroom-Kultur: „Ich will Bond-Girl sein“

Ab Mittwoch ist die 2. Staffel der US-Serie „Pose“ zu sehen. Darstellerin Hailie Sahar über Realness und Chancen für trans Schauspieler*innen.

Die Schauspielerin Sahar Hailie in der Serie Pose. Sie posiert mit den Händen in ihre Hüften.

Hailie Sahar als „Lulu“ bei einem Ball in „Pose“, einem queeren Wettbewerb um die besten Tanzmoves Foto: Netflix/imago

taz: Frau Sahar, wann waren Sie auf Ihrem ersten Ball?

Hailie Sahar: Meinen ersten Ball besuchte ich mit 16. Ich habe mich rausgeschlichen, eigentlich durfte ich das nicht, und ging mit Freund*innen hin. New York war ja das Mutterland der Ballroom-Kultur, aber auch in Los Angeles gab es eine relativ große Szene. Beim Ball sah ich Leute mit trans Erfahrung zum allerersten Mal – aber ich sah auch eine Spiegelung von mir selbst. Ab diesem Moment wollte ich den Ball nie mehr verlassen. Ich war süchtig.

Wurde Ihnen da bewusst, dass Sie eine Frau sind?

Ich habe schon immer gewusst, dass ich eine Frau bin. Mir fehlten allerdings die Worte, es zu beschreiben. Als Kind hatte ich das Wort „transgender“ nie gehört. Man redete einfach nicht darüber. Aber seit ich mich erinnern konnte, hatte ich dieses Gefühl, als wäre ich im falschen Körper. Als Teenager habe ich mich dann für eine medizinische und soziale Transition entschieden, kurz nachdem ich die Ballroom-Szene entdeckt hatte.

Die Schauspielerin und Sängerin wird 1988 in Los Angeles geboren. Sie erhält als Kind eine Ballettaus­bildung und arbeitet als Halbzeit­tänzerin des Basketballteams „The Los Angeles Sparks“. Sie plant ursprünglich eine Ballettkarriere bei einer der großen Kompanien.

Als Teenagerin entdeckt Sahar die Ballroom-Szene von Los Angeles und entscheidet sich daraufhin für die Transition. Mit dem ihr bei der Geburt zugeordneten Geschlecht kann sie sich nicht identifizieren.

Nach kleineren Auftritten in „Mr. Robot“ und „Transparent“ bekommt sie 2018 die wiederkehrende Rolle der Lulu in der Serie „Pose“ des Pay-Senders FX – einem Drama über New Yorks queere Ballroom-Szene in den späten 80er und frühen 90er Jahren. Die Serie hat Fernsehgeschichte geschrieben wegen der meisten trans Haupt­rollen und wurde bislang mit zwei Golden Globes ausgezeichnet.

Wie wäre es für Sie gewesen, damals eine Serie wie „Pose“ zu haben?

Die Möglichkeiten wären unendlich gewesen. Es wäre nicht so schwierig gewesen, an mich selbst zu glauben, und ich hätte nicht so viel weinen müssen. Aber ich hätte auch besser verstanden, was ich mit diesem Leben machen soll. Denn für mich gab es keinen Musterlebensentwurf, kein Beispiel. Im Fernsehen sah keine*r aus wie ich. Daher ist Sichtbarkeit äußerst wichtig. Kinder müssen sich selbst sehen.

Ist „Pose“ für Sie biografisch?

Im Großen und Ganzen ja. Einfach die Ballroom-Szene zu entdecken und endlich eine Familie zu haben – das ist mit meiner Erfahrung identisch. Mein persönlicher Weg war allerdings härter, als es mit meiner Figur Lulu in der Serie dargestellt wird. Ich bin in einem jungen Alter von zu Hause ausgezogen und musste schnell lernen, wie man überlebt. Ich musste mein authentisches Selbst finden und sein – ohne viel Hilfe.

Meine Mutter war immer auf meiner Seite, aber auf die Unterstützung meines Vaters oder meiner restlichen Familie konnte ich nicht zählen. Ich bin Predigerkind und in der Baptistenkirche aufgewachsen mit strengen religiösen Lehren. Die haben mich zurückgehalten, die Person zu sein, die ich eigentlich bin. Zudem war ich viel allein. In „Pose“ wird viel vom Familienleben in der Ballroom-Szene gezeigt. Aber für mich, obwohl ich in einem House war, war es nicht so familiär, wie es in „Pose“ ist. Ich fühlte mich isolierter.

Haben Sie in Ihrem House eine neue Familie gefunden?

Ich bin erst mit 17 einem House ­beigetreten. Damals war das „The House of Rodeo“. Mit 19 wurde ich Mutter dieses House – und damit die jüngste Mutter in der Szene von Los Angeles. Diesen Rekord halte ich bis heute, ­soweit ich weiß. Witzigerweise waren meine Kinder älter als ich. Das war eine Heraus­forderung. Aber ich gewann viele Trophäen in den Balls. Das hat viel für mein Standing getan.

Was ist Ihre Lieblingskategorie bei Bällen?

„Vogueing“ wegen der Technik und „Face“ wegen des Glamour. Aber als Teilnehmerin habe ich die meisten Trophäen für „Realness“ gewonnen. „Realness“ wird heutzutage oft als Slang verwendet. Aber eigentlich bedeutet es, dass man für eine cisgender Person gehalten wird – also dass man „passt“. Es heißt: Ich bin „Realness“ und kann mich einfach in die Welt einfügen.

„Pose“ ist in den USA enorm erfolgreich gewesen und hat zwei Golden Globes gewonnen. Hat das zu einem erneuten Interesse an der Ballroom-Szene geführt?

Auf jeden Fall. Das Gleiche passierte aber, als Madonna 1990 „Vogue“ herausbrachte. Es gab einen großen Hype um die Szene, und plötzlich wollte jede*r zu einem Ball. Das sehen wir heute wieder, seit „Pose“ ausgestrahlt wird. Zum ersten Mal gibt es eine Serie mit fünf trans Frauen als Protagonist*innen. Das führt zu Neugierde auf diese Welt. Leute wollen wegen der Serie mehr über die Szene lernen.

Haben Sie Angst, dass eine emanzipierende Gegenkultur, die von People of Color gegründet wurde, nun von einem weißen Mainstream kommerzialisiert wird? Auch das wird in der zweiten Staffel am Beispiel von Madonnas „Vogue“ thematisiert.

In einer perfekten Welt – gäbe es eine – wären alle in der gleichen Szene zusammen. Farbe gäbe es nicht. Ja, die Ballroom-Szene wurde von Schwarzen Menschen und People of Color geschaffen – aber es ging um Akzeptanz für alle Menschen. Klar, wir dürfen nicht vergessen, wo die Ballroom-Szene herkommt. Wir müssen ihren Wurzeln treu bleiben. Aber Angst habe ich nicht. Hoffnung schon.

Hat sich durch den Erfolg der Serie die Sichtbarkeit von trans Personen in der Film und Fernsehbranche verbessert?

„Pose“ hat einen Dialog gestartet – und das ist der erste Schritt, die Türen für alle zu öffnen. „Pose“, „Orange is the New Black“ und „Transparent“ sind nur drei Serien. Es gibt aber eine ganze Welt voller trans Frauen – und auch Männer, über die noch selten geredet wird. „Pose“ gibt uns eine Plattform, Interviews wie dieses überhaupt machen zu dürfen. Und das ist nur der Anfang. Mein persönliches Ziel ist es, Platz für alle zu machen.

Die Ballroom-Szene entsteht in den 80er Jahren in der afroamerikanischen und lateinamerikanischen Queer-Community in New York City.

Auf „Balls“ konkurrieren Teilnehmer*innen um Trophäen für diverse Runway-Kategorien wie „Executive Realness“ oder „Femme Queen“. Soziale Klassen und Genderstereotype werden dabei satirisch auf die Spitze getrieben.Jenseits der Wettkämpfe ist die Szene in „Houses“ organisiert – Hausprojekte, die als Familien fungieren. An der Spitze eines House steht eine „Mutter“ oder ein „Vater“ – typischerweise sind das die Älteren aus der Szene, die auf die Jüngeren aufpassen. Als House treten diese Wohngemeinschaften dann auch als Team bei den Balls auf.

Dabei scheint die Trump-Ära eine unwahrscheinliche Zeit für einen Boom von trans Erzählungen im Fernsehen.

„Pose“ wurde auch von dem Film „Paris is Burning“ inspiriert, der 1987 gedreht wurde – auch das war eine Trump-Ära, zumindest in New York. Da besteht also auf jeden Fall eine Verbindung – und es ist interessant, zum Ausgangspunkt zurückzukehren, nun da Trump Präsident ist. Aber es ist auch schön, denn es zeigt: Trotz all des Hasses in der Welt sehen wir solche Figuren im Fernsehen – und verlieben uns in sie. Und man sieht, dass Menschen unfair behandelt werden, aber auch, dass sie das gar nicht verdient haben.

Hollywood besetzt häufig trans Rollen mit cisgender Schauspielerinnen und Schauspielern. Finden Sie das problematisch?

Einerseits soll jede*r jede Rolle spielen dürfen. Aber es ist unfair, den trans Schauspieler*innen ihre Rollen wegzunehmen, bevor sie überhaupt die Chance hatten, sich selbst zu spielen. Es gibt so viele Schauspieler*innen, Produzent*innen, Autor*innen und Künstler*innen, die einfach keine Aussichten in der Branche haben. So lange, bis wir auch für cis Rollen vorsprechen dürfen, brauchen wir erst mal Raum. Ich setze diese Frage mit Blackfacing gleich. Es gab eine Zeit, wo Schwarze Künstler*innen sich selbst nicht spielen dürften. Weiße haben stattdessen ihre Gesichter dunkel bemalt und Schwarze Figuren auf herabwürdigende Weise gespielt.

„Pose“ wurde aber von einem weißen cisgender Mann – Ryan Murphy – kreiert. Hat das eine Auswirkung auf die Authentizität der Serie?

Nein, und ich würde auch sagen: Die Serie wird von einem Kollektiv von Menschen getragen. Und in diesem Kollektiv gibt es unterschiedlichste Menschen. Es gibt Steven Canals, Janet Mock, Brad Falchuk, Lady J, Ryan ­Murphy – und auch uns Schauspieler*innen. Es braucht diese ganze Familie, um diese Geschichte wirklich zu erzählen. Und Ryan Murphy ist auch jemand, der die Geschichte richtig erzählen will. Er möchte authentisch sein – und bislang ist alles tatsächlich super geworden.

Was wäre Ihre Traumrolle?

Ich will ein Bond-Girl sein. Ich mag das ganze Konzept. Ich liebe die Gefahr, den Sexappeal – und auch das Bad-Girl-Image. Aber ich wäre gern auch mal eine Marvel-Figur. Ich mag Rollen, die mich herausfordern. Eine eindimensionale Künstlerin möchte ich nicht sein. Ich will vieles gleichzeitig sein.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de