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Pussy Galore vs. Straight Edge

Der Liveclub Bootleg existierte nur anderthalb Jahre. Ende der 1980er machte er Augsburg zu einem Hotspot des Schismas, das noch heute Theorie und Praxis von Gegenkultur prägt

Das Damen aus New York im Bootleg. Laut der Plakate spielten sie am selben Abend wie Angst aus San Francisco, aber wer weiß das noch so genau? Foto: Foto:Stefan Jenuwein

Von Ulrich Gutmair

Wir surfen mal wieder über die Felder, durch Wälder, Weiler und die Nacht. Musik auf Anschlag, der Co-Pilot entscheidet, welche Kassette läuft, Einsprüche von links und hinten sind zu berücksichtigen. Die Besatzung des Fahrzeugs hat sich wie immer kurzfristig zusammengefunden. Irgendwann ist die Letzte zugestiegen und hat gefragt: Wo fahren wir eigentlich hin?

Die 1980er neigen sich dem Ende zu, und Destinationen gibt es viele. Manche werden seltener angesteuert. Manche regelmäßig aufgesucht, darunter das Bootleg. Von Dillingen bis nach Augsburg sind es 50 Kilometer durch leicht hügelige Landschaft über kurvige Landstraßen. Wenn Markus am Steuer seines roten Ford Fiestas sitzt, ist man in einer halben Stunde da. Er kennt jede Kurve und hat einen Fahrstil, den sportlich zu nennen ein Euphemismus wäre.

Am 18. Juni 1988 sind wir auf dem Weg ins Bootleg, weil wir eine neue Lieblingsband haben. Die haben wir, weil Shorty mitgeschnitten hat, entweder den „Zündfunk“ oder die „Rock-Lok“, beides Sendungen des ­Bayerischen Rundfunks. No Means No ist ein kanadisches Trio, das Hardcorepunk mit krassen Breaks, irren Rhythmuswechseln und funky Bassläufen spielt, die so halsbrecherisch und gekonnt sind wie der Fahrstil unseres Chauffeurs.

Wir sind uns in diesem Sommer einig, dass No Means No die beste Band des bekannten Universums ist. Im Bootleg angekommen zeigt sich, dass die Augsburger, die sich gern für was Besseres halten als die Avantgarde vom Land, das allerdings noch nicht gemerkt haben. Der Laden ist halb leer, was dem Abend keinen Abbruch tut. Später, in der Küche einer Augsburger WG, tauschen wir uns mit unseren Helden aus. Als No Means No ein Dreivierteljahr später wieder im Bootleg gastieren, ist die Bude brechend voll.

Weitere 36 Jahre später sitzen wir zu dritt im Auto. Wieder dauert es eine halbe Stunde von Dillingen nach Augsburg, diesmal dank der inzwischen die Landschaft zerfressenden Umgehungsstraßen. Das Ziel: Die alte Bootleg-Crowd trifft sich in einem Augsburger Atelier, um sich an den Liveclub zu erinnern. An den Wänden hängen die Poster der Bands, die Konzertprogramme und viele Fotos. Ah, Pussy Galore, da war ich auch, heißt es jetzt. Oh, die Lolitas, hatte ich ganz vergessen!

Der DJ spielt die Musik von 1988, hinter ihm laufen Videos von Konzerten. Da steht Mo Tucker, ehemals Trommlerin von Velvet Underground, verschmitzt lächelnd im Duett mit Jad Fair auf der Bootleg-Bühne. Ja, da waren wir auch. Wie immer in der ersten Reihe, direkt vor der Bühne, die bloß 40 Zentimeter hoch war. Die Decke war niedrig in der Kneipe, die dem Hasenbräu gehörte und zuvor einen G.-I.-Club beherbergt hatte.

Die Bühne, die nun anlässlich der nur zwei Tage währenden Bootleg-Ausstellung zusammengezimmert wurde, ist genauso hoch wie die alte im Bootleg. Auf ihr sitzen zwei der ehemaligen Betreiber, Peter Bommas und Pulle, ihre weibliche Co-Betreiberin Angela kann an diesem Abend nicht dabei sein. Pulle sagt: „Das Bootleg war zu früh für Augsburg.“ Während Leute wie wir von weither in diese Beiz kamen, wo zwischen November 1987 und April 1989 über hundert Bands spielten (die oft zum ersten Mal in Europa tourten), waren die Augsburger dort in der Minderheit.

Dabei hatte der Laden die Stadt für einen Moment zu einem Hotspot des musikalischen Undergrounds gemacht „wie vorher und nachher nichts mehr“, wie Hans-Peter Eckardt korrekt kommentiert, der die Ausstellung mit Thomas Patsch kuratiert hat. Allerdings lag das Bootleg in Augsburg-Oberhausen, einem Wohngebiet. Die Betreiber buchten Bands gern an noch freien Tagen in deren Tourkalendern, weswegen die Konzerte oft am Sonntag oder Montag stattfanden. Wegen Anwohnerprotesten musste das Bootleg schon nach anderthalb Jahren schließen.

Das Lokal war 24 Meter lang und acht Meter breit, alle Wände schwarz gestrichen und mit Konzertplakaten gepflastert, ein paar Metallfässer dienten als Tische. Rechts die Bar, dahinter ein Durchgang zum Hinterzimmer, wo man sich bei einer Runde Kicker vom Pogen und Moshen erholen konnte. Von uns kann sich keiner mehr so recht erinnern an das Interieur. Die Musik, die Leute auf und vor der Bühne hatten wohl unsere ganze Aufmerksamkeit beansprucht.

Darüber waren stets Rauchschwaden vom exzessiven Zigarettenkonsum gewabert – auch wenn einige der Bands bereits der neuen puritanischen Religion namens Straight Edge huldigten, die für Veganismus, gegen Drogenkonsum und teils gar gegen Sex agitierte: Ian MacKaye, Sänger der Hardcorecombo Fugazi aus Washington, D. C., hatte den Begriff Straight Edge geprägt. Er freute sich sehr über Gemüsesuppe aus der Dose, als Fugazi ihr erstes Konzert in Europa gaben, erinnert sich einer der Betreiber. Die veganen Bedürfnisse junger Amerikaner seien aber meist durch bayerisches Bier befriedigt worden.

Im Rückblick betrachtet waren die späten 1980er ein goldenes Zeitalter. In jeder Kleinstadt gab es mindestens eine Band. Punk hatte sich als Idee und Praxis kultureller Selbstorganisation überall durchgesetzt, auch wenn er sich im Zuge dessen in diverse Subgenres aufgesplittet hatte. Diesen Umstand bildete auch das Programm des Bootleg ab. Da gab es erstens mal sehr schnell, mal extra schleppend gespielte Formen von Hardcorepunk aus den USA, Deutschland oder Italien. Zweitens eine neue Generation, die räudigen Rock ’n’ Roll und Psychedelisches liebte. Und drittens viele Bands, die zwischen diesen Polen lagen.

Pussy Galore spielten am 3. Februar 1988 im Bootleg. Sie gehörten unüberhörbar der zweiten Kategorie an. Die Snare-Drum von Schlagzeuger Bob Bert sah aus wie der ausgebaute Tank eines Kleinwagens, auf dem ein Stoßdämpfer angebracht wurde – und so klang sie auch. Angesichts der Kommerzialisierung der Teenagerrevolte und des hyperkorrekten, asketischen Spirits von weiten Teilen der amerikanischen Hardcorepunkszene suhlten sich Pussy Galore in der rohen, sinnlosen Energie von Punk, Blues und Rock ’n’ Roll. Ihr Name sagte alles, ihre frühen Songs hatten Titel wie „Teen Pussy Power“, „Cunt Tease“ – und „Fuck Ian MacKaye“.

Pussy Galore und Fugazi verkörperten das Schisma, das noch heute Theo­rie und Praxis von Gegenkultur (und manchmal sogar ihrer individuellen Protagonistinnen selbst) durchschneidet: das Ringen individualanarchistischer, radikal emanzipatorischer Impulse mit dem Willen, die politisch korrekte Sicht auf die Dinge in progressive Politik zu gießen, die vom jeweiligen Politbüro autoritär durchgesetzt wird.

Pussy Galore produzierten einen schlampig hingerotzten Sound, der sich bewusst sei, dass er nicht mehr bedeuten könne, was er mal bedeutet hatte – aber auch nichts Neues zu bedeuten finde, befand Tom Carson im September 1988 in der Village Voice: Pussy Galore parodierten die Idee der ­Subversion selbst. Das war eine kluge Einsicht, die auch vom Niedergang einer Poptheorie erzählte, die ihren Glauben an die Jugend als revolutionäres Subjekt partout nicht aufgeben wollte.

Die Schlachten waren längst geschlagen und in den Geschichtsbüchern niedergeschrieben. Obwohl man in der Kleinstadt mit Löchern in den Jeans und gefärbten und über den Ohren rasierten Haaren noch für leisen Aufruhr sorgen konnte, hätten wir über die Vorstellung, wir seien heroische Vertreter einer wie auch immer gearteten Gegenkultur, nur gelacht. Das hatte auch mit Klassenverhältnissen zu tun. Die Antipoden Ian MacKaye von Fugazi und Jon Spencer von Pussy Galore kamen beide aus privilegierten Haushalten. Der eine ist Sohn eines Journalisten der Washington Post, der andere Sohn eines Professors. Die Besatzungen unseres roten Fiestas stammten fast ausnahmslos aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Die eine Hälfte ging aufs Gymnasium, die andere auf die Realschule. Uns hatte man kein kulturelles Kapital mitgegeben. Wir erfanden uns mittels dieser Musik selbst, gründeten eine eigene Band und rauschten durch die Nacht.

Als der Rest der Welt ein paar Jahre später Grunge feierte, Punk also endgültig zu einer Sparte der Unterhaltungsindustrie geworden war, konnte die Bootleg-Community jedenfalls nur müde lächeln. Alles schon gesehen, alles schon gehört.

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