Prêt à porter: Uniformen für alle
■ Optimismus trotz Krise: Dior und Miyake
Wolfgang Joop hat im Spiegel behauptet, die Schauen präsentierten vor allem die Haltung der Designer zur Welt. In Paris läßt sich diese Haltung mit einem Wort beschreiben: Angst. Alexander McQueens Kollektion für Givenchy ist dafür ein gutes Beispiel. Seine ersten Kollektionen hatten einen aggressiven Glamour, der die Givenchy- Klientel wie ein Schlag ins Gesicht getroffen haben muß: Für diese Kleider war sie schlicht zu alt.
Diesmal gab es nichts, vor dem sich ältere Damen fürchten müßten. McQueen hat die aggressiven „Platz da“-Schultern seiner Jacken abgemildert. Daß eine Vorderseite etwas asymmetrisch geschnitten war, würde nicht einmal in der Avenue Montaigne als exzentrisch gelten. Sowenig wie die Abendkleider. Sie waren ziemlich kurz, aber das läßt sich für den Verkauf leicht korrigieren. Diese ängstliche Unschlüssigkeit sieht man fast überall.
Der Luxuskonzern LVMH, dem unter anderen die Modehäuser Dior, Givenchy und Lacroix gehören, meldet für die ersten neun Monate dieses Jahres einen Umsatzrückgang von acht Prozent, das sind 31,3 Milliarden Franc. In den letzten drei Monaten ging der Umsatz sogar um 13 Prozent zurück, berichtet Le Monde. Aber Galliano ist entschlossen, das Ruder herumzureißen. Wenn die Weltwirtschaft zusammenkracht und die Roten das Ruder übernehmen, wie sollen wir sie empfangen? In Samt, Pelz und Seide? Da wandern wir umgehend auf die Guillotine. Im volantbesetzten Bauernrock? Das nehmen sie uns nicht ab. Hopp, auf die Guillotine. Wie wär's mit Rote-Armee-Uniformen? Das Ergebnis war überwältigend: Diors New- Look-Kostüm von 1947 – in Olivgrün. Stark taillierte Jacken mit einem Hüftknick, dazu ein plissierter Rock, der um die Knie wippt. Stehkragen und Taschen sind leuchtend rot abgesetzt, und auf der Jacke prunken rund um die Hüften metallene Generalssterne. Auf dem Kopf sitzt keck zur Seite gerückt ein olivgrünes Schiebermützchen mit rotem Rand. Oder: olivgrüne Pluderhosen mit einem roten Längsstreifen, dazu ein seidenes Unterhemd aus Fortunyplissee und goldene Sandalen mit mörderisch hohen Absätzen. Der Kommunismus mit menschlichem Antlitz: Dior- Uniformen für alle.
Übertroffen wird dieser Optimismus nur noch von Miyake. Statt Angst hat er eine Idee: Die Kunden sind die neuen Designer. We welcome the new epoch with A-Poc! Statt eines fertigen Kleides liefert er Schnitte aus Stoff. Das Grundmodell ist ein Schlauchkleid mit kleinem runden Ausschnitt, Kapuze und langen Ärmeln, die in Fingerhandschuhe übergehen. Überall auf dem Kleid gibt es durchbrochene Linien, die Verzierung und Gebrauchsanweisung zugleich sind: Schneiden Sie hier! Schnipp – schon hat man einen V-Ausschnitt, kurze Arme oder statt eines Kleides Rock und Oberteil. Die Teile lassen sich weiterverwenden: Ein Model trug den abgeschnittenen Unterarm als Tasche am Gürtel. Ideal für ein Baguette. Anja Seeliger
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen