Protest-Abend im Harburger Kunstverein: Gesichter der Wut

Der Kunstverein im Hamburg-Harburger Bahnhof widmet sich rechtem Protest in Europa und den USA. Die Bilder sind sich ziemlich ähnlich.

Zwei unscharfe Porträts

Zwei von mehreren Tausend: Teilnehmer des Riots in Washington Anfang Januar Foto: facesoftheriot.com (2)

Hamburg | taz | Die Bilder gleichen sich zunehmend: die der „Coronarebellen“, die hierzulande ihre Meinungsfreiheit ausleben (und just deren Existenz regelmäßig leugnen) und jene des Mobs, der Anfang Januar die US-Parlamentsgebäude in Washington, D.C. erstürmte. Dass die einen sich von den anderen inspirieren lassen, deutsche Mund-Nasen-Schutz-Gegner:innen sich also in Rhetorik und Kostümierung bedienen bei der zunehmend radikalen Gefolgschaft des Nicht-mehr-US-Präsidenten Donald Trump: Es ist nur die alleroberste Zwiebelschalenschicht; eine gründlichere Recherche zu Wissens- und Geldströmen zwischen den Wutbürger­:innen hüben und drüben steht aus.

Ein Abend in Hamburg bringt Pandemieskepsis und Wahlergebnisverweigerung nun zumindest auf der Ebene der Bilder zusammen: Der Kunstverein im Harburger Bahnhof zeigt Zauri Matikashvilis Dokumentarfilm „Corona Rebellen“ (2020) und stellt Volker Renners jüngstes Buch „Potential Sightings“ vor – beide Macher sind auch anwesend.

Matikashvili hat die angeblich so der Liebe verpflichtete Bewegung begleitet bis zur Großdemonstration im Sommer 2020, bei der mehrere Hundert Menschen versuchten, das Reichstagsgebäude zu erstürmen – und erklärtermaßen wollte er dabei nicht urteilen: „Die künstlerische Herangehensweise ermöglicht es mir, die Menschen lange reden zu lassen und das Geschehen ausgiebig zu beobachten“, hat er in einem Interview gesagt. „Ich muss nicht objektiv berichten, ich darf von meinen persönlichen Interessen ausgehen.“

Der Hamburger Fotokünstler Renner hat sich für sein Buch mit der Website facesoftheriot.com beschäftigt: Die versammelt annähernd 6.000 Porträtfotos von Menschen, die am 6. Januar dabei waren beim Sturm auf das US-Kapitol. Destilliert sind diese Bilder wiederum aus Videos, die die Beteiligten selbst hochgeladen haben, nämlich auf der bei Rechten und Rechtsextremen beliebten Social-Media-Site „Parler“. Ermuntert facesoftheriot dazu, wo möglich den Behörden bei der Ermittlung Verdächtiger zu helfen, geht es Renner bei seiner Auswahl – 480 in ihrer Unschärfe bemerkenswert sich ähnelnde Bilder – um etwas anderes: Er wolle den Blick „eher weg vom Pranger, hin zu einer fast einheitlichen Masse richten“, sagt er der taz.

Volker Renner: Potential sightings. Textem, Hamburg 2021, 480 S., 44 Euro

Filmvorführung, Buchvorstellung und Künstlergespräch (Moderation: Nora Sdun und Tobias Peper): Do, 12. 8., 19 Uhr, Kunstverein Harburger Bahnhof

Wer im Buch blättert, erhält also „nicht das klare Gesicht des mutmaßlichen Täters, sondern ein diffuses Bild des Schreckens“. Der „Horror“ liege auch „in der massenhaften Überzeugung, für die die Bilder stehen“, so Renner: „Es könnte jeder sein.“ Es ergebe sich „ein abstraktes Bild des Bösen, beziehungsweise ein Bild einer um sich greifenden Gefahr durch Falschinformation“, nämlich: dass die Demokraten die Wahl „gestohlen“ hätten.

Neben den ganz real Geschädigten sei es, so Renner, „auch die Demokratie, die ein Opfer dieser Attacke wurde und das bleibt ja ein zentrales Thema, nicht nur in den USA“.

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