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„Prix Pascal“ für KI-Literatur Ein Preis für die Superintelligenz

Yannic Walter

Kommentar von

Yannic Walter

Der französische „Prix Pascal“ soll mit künstlicher Intelligenz verfasste Bücher auszeichnen. Doch das legitimiert Technologie, die Literatur bedroht.

D ie Schlagzahl, mit der die großen KI-Firmen immer bahnbrechendere Durchbrüche verkünden, ist inzwischen so atemberaubend, dass sich selbst ihre Erfinder oft und medienwirksam erstaunt geben.

Gleichzeitig häufen sich die Versuche, den Einsatz von KI in allen möglichen und unmöglichen Sparten der Gesellschaft zu normalisieren und als natürliche Evolutionsstufe einer unvollkommenen menschlichen Spezies darzustellen. Deren Zukunft, glaubt man derweil Elon Musk, seines Zeichens Rocket-Man und Präsidenten-Rasputin, liege in einer Verschmelzung zu einer KI-gestützten „Superintelligenz“.

In Frankreich hat dieser Diskurs nun neues Futter erhalten, denn nach den jüngsten Verwerfungen um den Betrugsfall eines mutmaßlich mithilfe von KI geschriebenen Romans beim „Prix Goncourt“ wurde nun ein neuer Literaturpreis ausgerufen.

Das Besondere beim „Prix Pascal“ ist, dass ganz dezidiert literarische „Werke“ ausgezeichnet werden sollen, die „gemeinsam mit“, sprich: von KI-Systemen geschrieben wurden. Eine bisher noch unbekannte Jury aus Schriftstellern, Kritikern, Redakteuren, Philosophen, sowie Journalisten soll den besten Maschinentext küren und seinen „Erzeuger“ neben einem Preisgeld vor allem dabei unterstützen, sein „Werk“ zu veröffentlichen. Doch steckt dahinter nicht eher KI-politisches Kalkül als tatsächliche Liebe zur Literatur?

Demokratisierung der Belletristik

Man fragt sich, ob sich auch der kürzlich in Ungnade gefallene haitianisch-kanadische Autor Thélyson Orélien um den nach dem Mathematiker, Schriftsteller und Philosophen Blaise Pascal benannten Retortenpreis bewerben könnte. Bis zuletzt hatte Orélien eine Verwendung von KI für sein viel gelesenes Werk „Es war das oder sterben“ abgestritten, auch nachdem der Prix Goncourt ihn von der Longlist gestrichen hatte.

Nun hat sein Verlag „Éditions du Boréal“ die Nutzung von KI durch Orélien bestätigt und will nicht länger mit dem Autor zusammenarbeiten. Doch: The damage is done. Die Institutionen, darunter seine Verlage, sowie die Gremien des Prix Goncourt haben sich gehörig blamiert. Denn zuerst schien niemand den Betrug bemerkt zu haben.

Die Webseite des „Prix Pascal“ möchte von derartigen Disruptionen derweil nur die vermeintlich positiven gelten lassen. Gepriesen wird die „kulturelle Inklusion durch KI“, da nun, glaubt man den Ausrichtern, endlich jeder dazu befähigt sei, Literatur zu produzieren, und es nicht länger vom Bildungsgrad, der Klassenzugehörigkeit oder einer Lese-Rechtschreibschwäche (kein Scherz) abhängen solle, wer sich Schrift­stel­le­r:in nennen darf.

Eine Demokratisierung der Belletristik und Überwindung von elitären Gatekeepern also? Verschleiert wird selbstredend die Tatsache, dass der Entwicklung textgenerierender LLMs ein Diebstahl intellektueller Leistung vorausgegangen ist, dessen Ausmaß in der Geschichte der Menschheit wohl seinesgleichen sucht. Und auch KI-Tokens sind natürlich nicht umsonst.

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So erscheint die Selbstdarstellung des „Prix Pascal“ wie ein Hohn in doppelter Hinsicht: „Der Preis würdigt Werke, die etwas Neues bringen, die nicht einfach ein bereits in der Vergangenheit produziertes Format reproduzieren.“

Literarische Institutionen überfordert

Denn LLMs sind ja gerade deswegen nicht in der Lage, etwas Neues zu erschaffen, weil sie auf Trainingsdaten existierender Werke basieren und eben nichts anderes tun, als Bekanntes zu reproduzieren – auch wenn dies – selbst für Jurys wie die des Goncourt – längst nicht mehr so leicht zu erkennen ist wie zu Beginn der KI-Ära.

Fälle wie der von Orélien zeigen, wie überfordert die literarischen Institutionen mit der „KI-Revolution“ sind – nicht nur in Frankreich. Ohne Pangram, einen ebenfalls KI-basierten Detektor für von LLMs generierte Texte, wäre Oréliens Täuschungsversuch womöglich nie ans Licht gekommen.

Wie so oft im Neoliberalismus trägt den Schaden die Gesamtheit der Gesellschaft, in diesem Fall die Literaturwelt, die Au­to­r:in­nen und Leser:innen. Vom Rowohlt Verlag, der Oréliens Werk bereits hat übersetzen lassen, gibt es bis dato noch keine Entscheidung darüber, ob die Veröffentlichung womöglich zurückgezogen wird.

Darüber, wie sehr Literatur und ihr Fortbestehen der Gruppe von Tech-Entrepreneurs am Herzen liegen, die hinter dem „Prix Pascal“ stecken, kann man nur mutmaßen. Neben einem verwaisten Instagram-Account präsentiert sich der Preis jedenfalls sonst nur noch im Businessnetzwerk LinkedIn.

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2 Kommentare

  • PeterArt

    Uns als Lesern bleiben immer noch die Klassiker. Aber es wird vermutlich irgendwann keine neuen mehr geben, wenn einmal KI-Wegwerfliteratur den Markt überflutet und ein Leben für Autoren unmöglich macht.

  • Il_Leopardo

    Nichts ist gegen KI-generierte Belletristik einzuwenden - nur muss sie auf jeden Fall als solche gekennzeichnet werden. Dann kann jeder Leser entscheiden, ob er die Hand nach solch einem Werk ausstreckt.