Pressefreiheit beim G20-Gipfel: Zweifelhafte Begründungen

32 Journalisten wurden vom G20-Gipfel nachträglich ausgeschlossen. Die Regierung behauptet, darunter seien Linksextreme und Reichsbürger. Beweise gibt es nicht.

Regierungssprecher Steffen Seibert im Porträt, ein weiterer Mann im Hintergrund

Regierungssprecher Steffen Seibert ist für die Akkreditierungen verantwortlich Foto: dpa

BERLIN dpa | Das Presseamt der Bundesregierung steht nach dem Ausschluss von Journalisten vom G20-Gipfel weiter unter Druck. Die SPD will das Thema in den zuständigen Gremien im Bundestag zur Sprache bringen, wie der innenpolitische Sprecher der Fraktion, Burkhard Lischka, ankündigte. Auch Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) forderte Aufklärung. Das CDU-geführte Innenministerium widersprach dem Vorwurf, dass Sicherheitskräfte einzelne Pressevertreter heimlich überwachten.

32 bereits überprüfte und zugelassene Journalisten hatten vergangene Woche ihre Zulassung zum Hamburger G20-Gipfel wieder verloren. Da mehrere Betroffene kritisch über die Türkei berichtet hatten, äußerten Medien und Opposition den Verdacht, dass unter anderem türkische Interessen dahinter stehen könnten. Regierungssprecher Steffen Seibert und das Bundeskriminalamt bestritten das.

Wie die Welt berichtet, sollen Hinweise auf linksextreme Straftaten dazu geführt haben, dass Akkreditierungen entzogen wurden. Die politischen Straftaten seien in Datenbanken der Sicherheitsbehörden registriert. Es soll sich dabei um Einträge zu Körperverletzungsdelikten, Haus- und Landfriedensbruch und Mitgliedschaft in einer gewaltorientierten Gruppierung handeln.

Nach Informationen des Tagesspiegels handelte es sich bei einem der 32 Journalisten, denen die Akkreditierung entzogen wurde, um einen „Reichsbürger“ aus Bayern. Die rechtsextremen „Reichsbürger“ lehnen die Bundesrepublik als Staat ab und behaupten, das Deutsche Reich bestehe fort. Der NDR berichtet, einem seiner Journalisten sei vor Ort beim G20-Gipfel vorgeworfen worden „Reichsbürger“ und Mitglied einer „gewaltbereiten Vereinigung“ zu sein – was „völliger Quatsch“ sei.

Journalistengewerkschaft empört

Die Süddeutsche Zeitung berichtete am Donnerstag unter Berufung auf Sicherheitskreise, dass mindestens seit dem G8-Gipfel in Heiligendamm Journalisten, gegen die es Sicherheitsbedenken gebe, von deutschen Polizisten „beaufsichtigt“ würden. Unklar sei, wie viele Berichterstatter von dieser bislang unbekannten Praxis betroffen seien. Weil so eine „Begleitung“ beim G20-Gipfel nicht möglich gewesen sei, habe man die 32 Journalisten ausgeschlossen.

Ein Sprecher des Innenministeriums trat dem Eindruck entgegen, dass Medienvertreter in Deutschland heimlich überwacht werden könnten. „Die Kollegen werden ausdrücklich angesprochen und auf das Verfahren aufmerksam gemacht“, sagte er. Das geschehe erst beim Betreten klar definierter Sicherheitsbereiche und komme nicht oft vor.

Die Aufgabe der Beamten sei der Schutz der Schutzpersonen, und allein diesem Zweck diene ihre Anwesenheit. Es gehe dabei nur darum, gegebenenfalls Zwischenfälle zu verhindern und nicht um die Überwachung oder Beeinflussung von Berichterstattung.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) zeigte sich empört. „Journalisten als Sicherheitsrisiko für Merkel, Trump und Putin? Leidet der Regierungssprecher unter Kontrollwahn?“, fragte der Bundesvorsitzende Frank Überall. Als Chef des Bundespresseamts ist Regierungssprecher Steffen Seibert zuständig für die Akkreditierungen. Die „dauernde Überwachung“ von Journalisten durch Beamte des Bundeskriminalamts sei ein krasser Verstoß gegen die Pressefreiheit und untergrabe die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung, kritisierte Überall.

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