Politisches Attentat in der Ukraine: Parlamentarier Andrij Parubij von „Fahrradkurier“ erschossen
Der ehemalige ukrainische Parlamentspräsident war einer der Anführer der Maidan-Revolution 2013-14. Jetzt fiel er in Lwiw einem Attentat zum Opfer.

Der Mord in der westukrainischen Stadt Lwiw am Samstag traf einen Mann, der geradezu das Symbol ist für die Veränderungen, die die Ukraine seit Ende 2013 erlebt hat: Andrij Parubij, Berufspolitiker und Berufsrevolutionär. „Wir haben einen Sohn der Ukraine, einen Patrioten, einen echten Nationalisten verloren“, klagt Ex-Präsident Petro Poroschenko auf seiner Facebook-Seite über die Ermordung des 54-Jährigen. „Sie sind stets ein Patriot der Ukraine geblieben und haben einen großen Beitrag zur Entwicklung unseres Staates geleistet (…) Das ist ein tiefer Verlust für das Land“, zitiert die Agentur Ukrinform die ukrainische Premierministerin Julia Swyrydenko.
Der Einsatz für eine unabhängige Ukraine zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben Parubijs. Schon 1988 als Jurastudent in der Sowjetunion gründete der 1971 außerhalb von Lwiw geborene Parubij die nationalistische Organisation „Spadschina“ (Erbe), die patriotische Kinderfreizeiten organisierte. Wenig später, so berichtet der ukrainische Dienst von BBC, gründete er die radikalnationalistische „Sozial-Nationale Partei der Ukraine“, die sich später in „Svoboda“ (Freiheit) umbenannte und mehrere Jahre als Fraktion im ukrainischen Parlament vertreten war.
Mit dem Erstarken der Maidan-Revolte Ende 2013 wurde Parubij zu einem der wichtigsten Träger des Aufstands gegen die damalige prorussische Regierung. Am 1. Dezember 2013 leitete Parubij das erste Treffen der sogenannten „Hundertschaftsführer“ – diejenigen, die für die Verteidigung der neu errichteten Barrikaden zum Schutz der Dauerdemonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kyjiw verantwortlich waren. Dieses Treffen markierte den Beginn der „Selbstverteidigung des Maidan“.
Die paramilitärisch organisierte Maidan-Selbstverteidigung spielte eine zentrale Rolle im Verlauf der Proteste gegen das Regime von Präsident Wiktor Janukowytsch. Ihre Mitglieder übernahmen den Schutz der Proteste, waren Ordnungsdienst. Und sie waren es auch, die an vorderster Front den Polizisten gegenüberstanden, mit Baseballschlägern und Stahlhelmen. Nach wie vor ungeklärt ist, welche Rolle diese Einheiten bei der Tötung von 18 Polizisten in dieser Zeit spielten.
Nach dem Sturz Janukowytschs und dem Sieg der Maidan-Bewegung in der Ukraine wurde Parubij zunächst Sekretär des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates und wenig später Parlamentssprecher. 2019 wurde er auf der Liste der „Europäischen Solidarität“ ins Parlament gewählt. Auch dort blieb er seiner Haltung treu. Er lehnte die in Minsk geführten Verhandlungen der Ukraine mit Russland ab, trat für weitreichende Einschränkungen der russischen Sprache ein und rief, so berichtet der ukrainische Dienst von BBC, zur Vernichtung des russischen Imperiums auf.
Jetzt wird sein Tod in Russland als „Eliminierung eines Nazis“ gefeiert. Am Sonntag war sein Mörder noch auf der Flucht.
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