Politischer Aktivismus im US-Sport: Der Streitbare

Der staatenlose Enes Kanter nutzt seine Prominenz als NBA-Profi, um auf Missstände in China hinzuweisen. Dafür erhält der 29-Jährige Morddrohungen.

Schuh-Botschafter: Enes Kanter von den Boston Celtics kämpft gegen "moderne Sklaverei".

Schuh-Botschafter: Enes Kanter von den Boston Celtics kämpft gegen „moderne Sklaverei“ Foto: Jacob Kupferman/ap

Es war ein kurzweiliges Spiel in Charlotte. Hin und her ging es zwischen den heimischen Hornets und den Boston Celtics, fröhlich punkteten beide Teams, bis es in die Verlängerung ging. In der behielten die Gäste die Oberhand mit 140:129, und auch Neu-Celtic Dennis Schröder trug seinen Teil dazu bei: 23 Punkte gelangen dem Deutschen.

Der Hauptdarsteller allerdings war ein anderer. Einer, der dazu keine Punkte erzielen musste und keinen Rebound holte. Enes Kanter wurde zwar nicht eingewechselt, setzte aber trotzdem seine Aufklärungskampagne fort, die weltweites Aufsehen ausgelöst hat. Im vierten Saisonspiel seines Klubs setzte der Celtics-Center zum vierten Mal eine Botschaft ab. Zum vierten Mal trug er während des Spiels einen eigens gestalteten Turnschuh mit einer Message: Nach „Free Tibet“, „Free Uyghur“ und „Free China“ stand diesmal „Modern Day Slavery“ auf dem Sneaker. Und wieder flankierte der ehemalige türkische Nationalspieler die Botschaft mit einem Video, in dem er diesmal Nike an den Pranger stellte.

Der Sportartikler, so Kanter, unterstütze zwar in den USA Minoritäten wie Schwarze, Latinos und die LGBTQ-Community, aber schweige nicht nur zur Unterdrückung von Minderheiten in China, sondern toleriere, dass unterdrückte Volksgruppen wie die Uiguren in Zwangsarbeit gepresst werden. „Wer stellt eure Schuhe in China her? Wisst ihr das überhaupt?“, fragt Kanter provokativ. „Die Uiguren müssen Zwangsarbeit leisten, das ist moderne Sklaverei. Millionen Uiguren sind aktuell inhaftiert, werden verkauft und im ganzen Land verteilt, wo sie in Fabriken, die wie Gefängnisse sind, arbeiten müssen.“

In früheren Viedos hatte Kanter den chinesischen Präsidenten Xi Jinping als „brutalen Diktator“ bezeichnet und verkündet: „Tibet gehört dem tibetischen Volk.“ Der Dalai Lama setzte daraufhin eine Grußbotschaft an Kanter ab, in China wurde die Übertragung des aktuellen Celtics-Spiels abgebrochen und ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums erklärte, die Äußerungen des Basketballers seien „nicht der Widerlegung wert“.

Kanter erhält Morddrohungen

Seitdem müssen chinesische Celtics-Fans auf gestreamte Spiele ihres Teams verzichten, aber die Message kommt trotzdem an: In den sozialen Medien laufen die Trolle Amok, Kanter erhält Morddrohungen. Das ist der 29-Jährige gewohnt: Als Kritiker des türkischen Präsidenten Erdoğan, den er als „Hitler unseres Landes“ bezeichnete, hat er sich in seiner Heimat keine Freude gemacht. 2017 wurde ihm die Staatsbürgerschaft entzogen, seitdem ist er staatenlos, und die Türkei hat einen Auslieferungsantrag gestellt.

Die Celtics scheinen noch hinter Kanter zu stehen, ihr Präsident Brad sagte nach einem Gespräch mit Kanter: „Wir werden unsere Spieler und ihr Recht auf freie Meinungsäußerung immer unterstützen.“ Der ist fest entschlossen, seine Kampagne weiterzuführen. In einem Tweet erklärte er: „Ich werde mich niemals entschuldigen, die Wahrheit auszusprechen. Ihr könnt mich nicht kaufen. Ihr könnt mir keine Angst machen. Ihr könnt mich nicht zum Schweigen bringen.“ Für die NBA und Nike, die sich beide bislang noch nicht geäußert haben, könnte das zu einem echten Problem werden.

Die beiden Unternehmen sind eng miteinander verbunden, 2015 schloss man einen Milliardendeal, seitdem produziert Nike exklusiv die NBA-Trikots. Der chinesische Markt ist sowohl für die Basketballliga als auch für Nike der wichtigste außerhalb der USA. 400 Millionen Dollar, so die NBA, verlor die Liga in der Saison 2019/2020, nachdem der damalige Manager der Houston Rockets, Daryl Morey, in einem Tweet Freiheit für Hongkong gefordert hatte.

Auch damals wurden Übertragungen gecancelt, noch heute sind Partien der Philadelphia 76ers, bei denen Morey jetzt arbeitet, nicht in China zu sehen. Und die NBA, die sich in den USA als progressivste der großen Sportligen geriert, geriet in die Zwickmühle: Offiziell verkündete man, man sei für Meinungsfreiheit, hinter den Kulissen aber versuchte man die Wogen zu glätten.

Auch prominente Spieler führten damals einen Balanceakt auf: LeBron James, der sonst zu jedem politischen Thema Stellung bezieht, ging sogar so weit, Daryl Morey offen zu kritisieren. Für den erfolgreichen Unternehmer Le­Bron und die NBA hört das soziale Engagement offensichtlich immer da auf, wo es den Umsatz bedroht. Für Donnerstag ist das nächste Spiel der Boston Celtics angesetzt. Mal sehen, was Enes Kanter auf dem Sneaker stehen hat.

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