piwik no script img

Politische Paralympische SpieleHeimlicher Sieger Russland

Bei den Paralympischen Winterspielen durften Russland und Belarus wieder mitmischen. Bei den Aktiven stößt das eher auf Ablehnung.

Mütze auf und weggedreht: Linn Kazmaier (l.) und ihr Guide protestieren gegen die russische Gewinnerin Anastasiia Bagajan Foto: Martin Schutt/dpa

Viele SportlerInnen nervt es einfach nur noch, dass die große Politik mit dem Thema Russland die Diskussionen bei den Paralympics dominiert. Nach der skandalösen Eröffnungsfeier mit dem Boykott vieler Nationen lieferten die ersten Siegerehrungen mit russischer Hymne und Flagge neuen Zündstoff. „Das ist eine Anerkennung für den Krieg von Russland, dieser Killernation“, polterte der ukrainische Delegationschef Valerii Sushkevich.

Das Nationale Paralympische Komitee der Ukraine warf dem Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) sogar vor, dass es eine „sehr spezielle Partnerschaft zwischen dem IPC und den Nationalen Paralympischen Komitees von Russland und Belarus“ gebe. Zudem werde das ukrainische Team bei den Paralympics systematisch unter Druck gesetzt. Dafür wurden viele Beispiele genannt. Das prominenteste ist das der Medaillengewinnerin Oleksandra Kononova, die ihre Ohrringe mit ukrainischer Flagge und der Aufschrift „Stop War“ auf Anweisung eines IPC-Vertreters abnehmen musste.

Das IPC hatte nach dem Triumph des ukrainischen Biathleten Taras Rad zudem Flaggen sowie Schals mit Nationalmotiven von seiner Familie beschlagnahmt. Auf Rückfrage ist das IPC überrascht vor der Erklärung der ukrainischen Paralympics-Delegation. Der Weltverband verweist auf die Regeln, die politische Symbole untersagen.

Russlands Staatspräsident Wladimir Putin kann sich trotzdem als heimlicher Sieger dieser Paralympics fühlen – und das hat mit den Entscheidungen des IPC zu tun. Der Weltverband machte im vergangenen September den Weg frei für den Start russischer SportlerInnen mit eigener Flagge und Hymne – weltweit erstmals seit Beginn des russischen Angriffskriegs vor vier Jahren. Bei den Olympischen Winterspielen durften SportlerInnen aus Russland und Belarus nur als „neutrale olympische AthletInnen“ starten. Was das Comeback auf der Sportweltbühne bei den Paralympics politisch für Russland bedeutet, machte die erste russischen Paralympics-Goldgewinnerin Warwara Worontschichina deutlich: „Der Sieg ist besonders für mich – aber so speziell für mein Land.“

Protestgeste bei Siegerehrung

Mit der Rückkehr Russlands und Belarus’ hat die IPC die SportlerInnen aller anderen Nationen in eine unmögliche Situation gebracht. Die deutsche Silbergewinnerin Linn Kazmaier drehte sich bei der Siegerehrung für die Russin Anastasiia Bagiian demonstrativ weg und behielt bei der Hymne die Mütze auf. „Ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht: Vielleicht unterstützen sie das System in Russland genauso wenig. Vielleicht sind es total nette Menschen, mit denen wir eigentlich befreundet sein könnten“, so Kazmaier sehr differenziert: „Dass das Politische die Paralympics so überschattet, ist einfach total schade.“

„Wir haben diese große, weltweite Bühne nur einmal in vier Jahren, und jetzt wird nur über Politik geredet“, schimpft auch die erfahrene Andrea Eskau, die in Italien ihre neunten Paralympics in Sommer und Winter erlebt. Die Zwickmühle: Viele kennen die russischen SportlerInnen schon lange und sehen auch die Menschen hinter der Nationalität. Auf der anderen Seite sprechen sich die meisten AthletInnen gegen eine generelle Rückkehr Russlands aus.

Zudem wirft deren Comeback weitere Fragen auf. Kann man darauf vertrauen, dass im Reich Putins während des fast vierjährigen Ausschlusses regelmäßig Doping-Kontrollen durchgeführt wurden? Ski-Bundestrainer Ralf Rombach hat beim Ski-Weltverband FIS nachgefragt. „Dort haben sie mir gesagt, dass die Rusada das gemacht hat“, sagt er mit einem Schulterzucken samt ironischem Lächeln. Die Rusada ist die russische Antidoping-Agentur, die nach Dopingskandalen seit 2015 mehrfach suspendiert wurde.

„Die Funktionäre der Sportverbände und der nationalen Antidoping-Agenturen sind in vielen Ländern verzahnt. Anderswo wird bei weitem nicht so viel getestet wie bei uns in Deutschland, wo die Athleten regelmäßig um sechs Uhr für eine Doping-Kontrolle rausgeklingelt werden“, sagt Rombach: „Das heißt nicht, dass anderswo betrogen wird, aber wir wünschen uns, dass die Doping-Kontrollen überall gleich ablaufen.“

Bei den Winter-Paralympics sind sechs russische SportlerInnen mit von der Partie – und die hatten (bis Donnerstagmorgen) schon vier Goldmedaillen gewonnen. Das deutsche Team mit 40 SportlerInnen und acht Guides gewann hingegen nur eine – von Alpin-Star Anna-Lena Forster. Ein weiterer Grund, um richtig genervt zu sein.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare