Politik und Mannschaftsspiel: Gelb-grünes Sondiertainment

Armin Laschet setzt auf das Spiel 77, die Selfies kommen und gehen, aber das Tempolimit auf deutschen Autobahnen ist schon ein Auslaufmodell.

Armin Laschet im Auto

Armin Laschet fährt vor – aber wie lange noch? Foto: Michael Kappeler/dpa

taz: Herr Küppersbusch, was war schlecht vergangene Woche?

Friedrich Küppersbusch: Das hergelaufene Wählerpack will mal wieder alles Mögliche.

Und was wird besser in dieser?

Alles möglich.

Ein Gruppenfoto von Baer­bock, Habeck, Lindner und Wissing wurde zur Steilvorlage für Witze in den sozialen Medien. Ikonisches Statement oder peinlichster Social-Media-Post aller Zeiten?

Wochen des Sondiertainments stehen bevor. Fingerfood-Enthüllungen, hypernervöse Ausdeutungen von Nichtigkeiten, lustige Memes und Reface-Bearbeitungen. Relevant daran mag sein, dass Politierende die Bildregie selbst übernehmen. Also sich nicht mehr den Meilensteinen der Balkonfotografie à la 2107 aussetzen, sondern mit dem Bildmaterial schon die gewünschte Deutung mit auf den Weg bringen. Das ist schon ein Bruch zu Kanzlerkandidaten, die Uschi Glas und Roland Kaiser für Popkultur halten.

Laut ARD-DeutschlandTrend meinen 66 Prozent der Deutschen, dass CDU-Chef Armin Laschet sein Amt niederlegen sollte. Gehören Sie auch dazu?

Eigentlich ist Laschet ein Stadtstreicher mit einem lappigen abgegriffenen Lottoschein in der Tasche. Die Tippzahlen haben schon verloren, doch er sagt: Spiel 77 könnte noch ziehen. Und von diesem Hauch einer Chance bezahlt er die Limo ins Adlon. Wie lange er da noch logieren darf, entscheiden nicht die 66 Prozent der Befragten. Und nicht die 60 Prozent Unions-Anhänger, die auch seinen Rücktritt bevorzugen. Sondern, im demokratischsten Fall, die CDU-Mitglieder. Wenn die irgendwas zu sagen haben. Und nicht Strippenzieher und Hintermänner. Ohne abseitige Praktiken geißeln zu wollen, aber: Wer hat den Arm in Laschet?

Grünen-Fraktionschef Hofreiter will das Tempolimit nicht zur Koalitionsbedingung machen. Rasen Sie da noch mit?

FDP und Union fantasieren von Klimapolitik als Geschäftsmodell. Also auch: Klimarettung ohne Einbuße noch Verzicht. Treu der inoffiziellen deutschen Staatsreligion Ingenieurswissenschaften, wonach die Lösung aller Probleme in einer brillanten Idee in der Zukunft liegt. Die SPD dagegen sorgt sich weniger um die möglichen Profite, als um die soziale Sicherheit, die aus diesen Profiten finanziert werden soll. Was einander zum Verheizen ähnlich sieht, ihr Programm jedoch anschlussfähiger an das der Grünen macht. Die sind mal wieder fein raus, denn ihr Geschäftsmodell ist Klimapolitik. Die leben davon. Also: Eine Ampel brächte ein rot-grünes Tempolimit, mit der liberalen Zukunftskomponente für autonomes Fahren – kein Tempolimit, wenn eh niemand am Lenker sitzt. Kompromisse sind oft so einfach.

Markus Söder hat Olaf Scholz zum Wahlsieg gratuliert und seinem Unionsfreund Laschet wieder einige Gemeinheiten mitgegeben. Machen Söders „Schmutzeleien“ ihn nicht für alle Ämter ungeeignet außer dem des Bayerischen Ministerpräsidenten oder vielleicht noch des FC Bayern?

„Wichtig, dass man ein Wahlergebnis respektiert“ – „es gehört sich vom Stil her“ – „ich als Parteivorsitzender“ – bei einer Box-Übertragung wechselte man hier in die Super-Slomo, um Söders prasselnde Rechts-rechts-Kombination in Ruhe durchzählen zu können. Vielleicht ein schöner Tag im Leben des Martin Schulz; so übel wurde nicht mal er in der SPD durchgereicht nach 2017.

Youtube hat die Kanäle von RT Deutsch gelöscht. Russland droht mit Vergeltungsmaßnahmen. Alles beim Alten?

Neulich hat Facebook 150 Quertrinker gesperrt, Youtube die Journalistenfiktion Ken Jebsen und nun also die publizistische Stalinorgel. Wer ruft da noch nach staatlicher oder gesellschaftlicher Kontrolle globaler Medienkonzerne? Genau das erreichen Plattformen, indem sie heute willkürlich sperren, woran sie sich bis gestern dumm und rund verdient haben. Bonusspaß: Die Russen gehen auf die Bundesregierung los und bezichtigen sie, worauf Sprecher Seibert überzeugend darlegt: Die Politik habe doch gar keinen Einfluss auf solche Entscheidungen der Plattform-Unternehmen. Kurz: Die Bundesregierung freut sich, dass sie medienpolitisch resigniert und nichts zu sagen hat. Glückwunsch, Youtube.

Und was machen die Borussen?

Schon fast wieder magisch, wie der BVB unter drei Trainern – Favre, Terzic, Rose – diesen unsäglichen Messias-Glauben durchspielt. Fehlt dann mal der jeweils aktuelle „Unterschiedspieler“ – Dembele, eine Zeit lang Witzel, jetzt Haaland –, geht nichts. Bei einer Bank, die anderswo eine zweite Bundesligamannschaft wäre. Auf die Gefahr hin, dass ich auch noch Trainer werde: Es ist ein Mannschaftssport. Doch, ja.

Fragen: eaz, waam

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Jahrgang: gut. Deutscher Journalist, Autor und Fernsehproduzent. Seit 2003 schreibt Friedrich Küppersbusch die wöchentliche Interview-Kolumne der taz „Wie geht es uns, Herr Küppersbusch?".

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