Politdoku über Steinbrück

Grüße aus der Eierschleifmaschine

„Kante Klartext Kandidat“ ist ein gelungenes Stück Fernsehen. Es porträtiert Steinbrück nicht als Gescheiterten – sondern als Irrtum der Parteiführung.

Peer Steinbrück in der Billardhölle, Carambolage spielend. Bild: ZDF/Martin Pfitzer

Noch 47 Tage dauert dieser Bundestagswahlkampf. Dann fällt die Entscheidung zwischen der Kanzlerin und ihrem Herausforderer Peer Steinbrück. Gerade noch rechtzeitig, bevor die Wählerinnen und Wähler wahlweise angefressen oder amüsiert sind von all den Plakatwänden, Fernsehwerbespots und devoten Kandidaten in deutschen Fußgängerzonen – gerade noch rechtzeitig also liefert das ZDF die Großporträts der beiden Kandidaten ab. An diesem Dienstagabend läuft „Kante Klartext Kandidat“ zu Peer Steinbrück, eine Woche drauf dann „Macht Mensch Merkel“ über die Bundeskanzlerin.

Das Porträt über Merkels Herausforderer – so viel kann man sagen – ist ein gelungenes Stück Fernsehen. Die beiden Autoren, Claus Richter, Redaktionsleiter bei „Frontal 21“, und Thomas Fuhrmann, Chef beim ZDF-„Morgenmagazin“, verweigern sich dem Impuls, einen Gescheiterten vorzuführen.

Als egoman, intelligent und hochironisch stellen sie Peer Steinbrück vor. Die Familie des Hamburgers verfüge nun mal über diesen „etwas salzigen Küstenhumor“, formuliert es sein jüngerer Bruder Birger. Dieser Humor jedoch ist dem Kandidaten im Laufe des Wahlkampfs abhandengekommen. „Es tickt immer im Kopf etwas mit“, sagt Steinbrück auf die Frage, warum seine Sprache immer vorsichtiger werde. „Die Erfahrung, dass Ironie nicht immer ankommt, die prägt mich.“

Gut beschreibt der Film das Wirken der „Eierschleifmaschine“. In selbige werde man ihn als Kanzlerkandidat stecken, hatte Peer Steinbrück gleich nach seiner Nominierung gemutmaßt. Und genau so ist es bekanntlich gekommen. Ob Weißweinpreise, Lesungshonorare oder seine Kritik an der Höhe des Kanzlergehalts – für jede einzelne Sottise, für jeden Fehler musste er kräftig einstecken.

Vollziehen statt diskutieren

„Er tritt als Steinbrück auf, nicht als Vertreter der SPD“, analysieren Fuhrmann und Richter das Dilemma, in das sich Steinbrück oft genug selbst manövriert. Und sie zeigen auch, woran das liegt. Peer Steinbrück verfügt über ein Politikverständnis, das geprägt ist durch die Ministerialbürokratie sowie seinen politischen Lehrmeister Helmut Schmidt: vollziehen statt diskutieren.

Dass dem „Karrierebeamten“ das sozialdemokratische Grundverständnis fehlt, die Demut gegenüber der Basis, bekamen besonders die Grünen zu spüren, mit denen er von 2002 bis 2005 Nordrhein-Westfalen regierte. „Er hat versucht, die Koalition auseinanderzudividieren“, erinnert sich die damalige Umweltministerin Bärbel Höhn. Erst Kanzler Gerhard Schröder konnte Steinbrück zurückpfeifen.

Nein, aus Peer Steinbrück wird kein Arbeiterführer mehr. Diese Seite der Sozialdemokratie kann er habituell nicht abdecken. Der Film belegt das mit einer Szene, in der Steinbrück bei der 1.-Mai-Feier in Bergkamen den Text der „Internationalen“ vom Blatt ablesen muss. Sein Fehler ist das nicht, er war nie anders. Aber in dieser Sequenz offenbart sich der riesige Irrtum der SPD-Führung. Sie hat vergessen, dass Peer Steinbrücks Gegner weniger die CDU ist, als es vielmehr die enttäuschten SPD-Wähler sind.

Das hätte man schon vor dem 1. Oktober 2012 wissen können, jenem Tag, an dem ihn der Parteivorstand so ungeschickt zum Kanzlerkandidaten kürte.

Korrektur: Die Autorin hat im vorletzten Absatz das Lied „Internationale“ mit dem Lied „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ verwechselt. Richtig heißt es: „Der Film belegt das mit einer Szene, in der Steinbrück bei der 1.-Mai-Feier in Bergkamen den Text des Liedes „Brüder zur Sonne zur Freiheit“ vom Blatt ablesen muss.“ Wir bitten, die Verwechslung zu entschuldigen.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben