Podcast-Workshop „Find your voice“: Mit der eigenen Stimme

Beim Workshop „Find your voice“ in Hamburg verarbeiten junge Menschen ihre Erfahrungen mit Flucht und Rassismus. Ein Besuch.

Eine junge Frau und ein junger Mann schauen gut gelaunt auf einen Laptop-Bildschirm.

Die eigene Geschichte zu erzählen, tut gut: Mnet und Thamir im Podcast-Workshop Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | „Du kennst das vermutlich gar nicht, oder?“, fragt mich Thamir. „Ich war auf der Reeperbahn mit meinen Freunden. Sie meinten, ich darf nicht rein“, erzählt der 25-Jährige. „Die Leute, die drinnen sind, die spüren das nicht. Aber mir tut es weh.“

Gemeinsam mit der 23-jährigen Mnet, der 18-jährigen Bridget sowie der Soziologin Sika und dem Klangkünstler Aleksandar von der Bildungsagentur Mediale Pfade sitzen wir im Computerraum des Stadtteilzentrums Kölibri in Hamburg-St.-Pauli. Hier duzen sich alle. „Find your voice“ heißt der dreitägige Workshop, in dem die Teil­neh­me­r*in­nen ihre Erfahrungen mit Rassismus und Flucht in Podcasts verarbeiten.

Grundlage für das Projekt ist das „Archiv der Flucht“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt, ein Oral-History-Projekt mit filmischen Interviews mit 41 Menschen, die zwischen 1945 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Unsere Gruppe schaut sie gemeinsam an und bespricht sie. „Es geht um die Perspektiven der Jugendlichen. Was hast du gesehen? Was ist dir in Erinnerung geblieben?“, fasst Sika zusammen. Dabei sei es wichtig, auf die Identität der Teil­neh­me­r*in­nen einzugehen.

„Für PoC (People of Color) ist es besonders schön, etwas zu sehen, mit dem wir uns repräsentiert sehen und identifizieren können, weil dies oft ein Problem in Deutschland ist“, sagt sie. Wenn sie im Vorfeld Videosequenzen für den Workshop heraussucht, spielen deshalb Kriterien wie dasselbe Herkunftsland eine Rolle. Mit den Geschichten über Migration können sich Mnet, Bridget und Thamir gut identifizieren. Alle drei sind People of Color und haben ihre eigenen Anekdoten am Vortag in Dialogform aufgenommen.

Ein sicheres Umfeld

Heute geht es an die Bearbeitung des Tons. Indem er Fähigkeiten vermittelt, etwa wie sie Tonspuren aufnehmen und schneiden können, möchte Aleksandar den Teil­neh­me­r*in­nen Skills zur Selbstermächtigung mitgeben. Dabei setzt er auf Technik, die für alle zugänglich ist, etwa frei und kostenlos zur Verfügung stehende Open-Source-Programme wie Audacity. „Das Simpelste, was du machen kannst, ist, dein Handy zur Aufnahme zu verwenden“, erläutert der Berliner. So lernen die Pod­cas­te­r*in­nen das nötige Handwerk, um ihre eigenen Stimmen hörbar zu machen.

Am Beispiel von Bridget zeigt Aleksandar uns, wie wir die Aufnahmen im Nachhinein bearbeiten können. „Ihr könnt den Klang eurer Stimme auch verändern“, erklärt er und dreht an einem Regler. Aus den Lautsprechern tönt Bridgets Stimme erst in einem hohen Quietschen, dann als tiefes Brummeln. Wir lachen.

Weiter geht es mit ernsteren Themen. „Warum bist du hier in Deutschland?“, fragt Mnet in ihrer Podcast-Folge. „Bei uns ist ständig Krieg. Man hat nicht seine Ruhe oder Sicherheit. Deswegen bin ich nach Deutschland geflohen“, antwortet Thamir. Ursprünglich habe er studieren wollen, am liebsten in seiner Heimat. Doch aufgrund der Umstände dort mache er nun eine Ausbildung in Deutschland. Eigentlich rede er nicht gerne darüber, aber seine Erfahrungen zu teilen, ist ihm dennoch wichtig und im Workshop fühlt er sich damit wohl. „Ich finde, die beste Lösung ist, darüber zu diskutieren“, sagt er.

Deshalb sei eines der zentralen Ziele des Projektes, dass Menschen wie Thamir, Mnet und Bridget ein sicheres Umfeld finden, um über ihre Erlebnisse sprechen zu können, betont Sika. Einen vollkommen diskriminierungsfreien „Safe Space“ gebe es zwar nicht, aber zumindest einen sichereren Ort, einen „Safer Space“. Vor dem Workshop werden deshalb eine Reihe von Grundregeln vereinbart. Die Gruppe soll zum Beispiel keine rassistischen Stereotypen reproduzieren. Wenn jemand eine persönliche Erfahrung teilt, sollen die anderen sie nicht kommentieren und bewerten.

Das Projekt „Yalla – Rein in die Stadt“ ist im Stadtteilzentrum Kölibri in Hamburg-St.-Pauli angesiedelt. Infos: https://yallahamburg.net

Wichtig sei auch, dass eine Person bestimmt wird, die die Verantwortung dafür übernehme, dass die Regeln eingehalten werden, auch in größeren Gruppen müsse immer eine Ansprechperson da sein. Sika und Aleksandar übernehmen als Teame­r*in­nen diese Rolle. Beide haben selbst eine Migrationsgeschichte und können sich in die Erzählungen der Teil­neh­me­r*in­nen einfühlen.

In ihrem Podcast spricht Mnet darüber, was Heimat für sie bedeutet: „Heimat ist der Ort, die Erde. Was für ein Gefühl ich habe, das ist meine Heimat.“

Für die endgültige Produktion bleibt Thamir, Mnet und Bridget nur noch ein Tag. Die drei sind hochmotiviert, ihre Geschichten in eigenen Pod­casts zu Gehör zu bringen, hat sie selbstsicherer gemacht. Trotz der schmerzhaften Erfahrungen mit Flucht und Rassismus blicken sie zuversichtlich in die Zukunft. „Was in der Vergangenheit passiert ist, ist vorbei“, sagt Mnet. „Wir müssen nach vorne gucken!“

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de