Pionierinnen des Kinos im Arsenal

Vom Himmel hinauf zur Hölle

Ein dunkler Kinosommer, abgründig, gespalten und komplex: Filme von Frauen des Film Noir, die die Wiederentdeckung lohnen.

Großaufnahme von Bodil Ipsen

Bild aus „Afsporet“, mit Bodil Ipsen, Dänemark 1942 Foto: Arsenal

Aus dem Bereich der Botanik ist der Begriff der Pionierpflanze bekannt. Ein „anspruchsloses“ Gewächs, das sich „als Erstes auf einem vegetationslosen Boden“ ansiedelt. Übertragen auf die Welt des Kinos kann behauptet werden, dass die Pionierinnen, denen noch bis zum 8. August im Berliner Kino Arsenal zu begegnen ist, auf nicht minder nährstoffarmen Böden wuchsen. Wichtige, rare Nährstoffe, die da wären: Geld, Vertrauen, Anerkennung – die nötigen Produktionsmittel eben, die es braucht, um etwas so Aufwändiges wie einen Film zu realisieren.

Warum ausgerechnet der Film Noir – über dessen Abgrenzung als eigenständiges Genre höchste Uneinigkeit herrscht – Möglichkeiten für diese Regisseurinnen bot? Vielleicht gerade aufgrund der ausfransenden Enden in allerhand formale wie inhaltliche Felder. Vielleicht aber auch, und das wäre eine optimistischere Lesart, weil den Akteuren der Filmindustrie gedünkt haben muss, dass derart abgründige, gespaltene und komplexe Frauenfiguren, wie sie nun doch überproportional häufig im Film Noir auftreten, durchaus auch in der Lage sein sollten (und vor allem: wollten), Interessantes auf die Leinwand zu bringen.

Klar wird: Auch in Sachen Forschung mangelt es den Pionierinnen noch an der verdienten Aufmerksamkeit. Sie wird obendrein durch die Tatsache erschwert, dass gar nicht wenige Filme, teils sogar Schlüsselwerke, nicht mehr vorhanden oder bis dato unauffindbar sind. Dass es dennoch gelungen ist, eine Schau zu konzipieren, die sich einer knappen handvoll jener exzeptionellen Damen widmet, ist umso erstaunlicher. Genauso wie die unglaubliche Zähigkeit, mit der Ida Lupino (USA), Muriel Box und Wendy Toye (beide Großbritannien), Edith Carlmar (Norwegen) und Bodil Ipsen (Dänemark) in einem Betrieb bestanden, der, liest man auch nur flüchtig in Muriel Box’ Autobiografie mit dem aussagekräftigen Titel „Odd Woman Out“ (1974), enorm misogyne Züge getragen haben muss.

Ein Großteil der gezeigten Filme können demnach als Produkte bezeichnet werden, die unter absolut widrigen Umständen entstanden sind. Oder: Wo andere ihre Kuchen im Ofen buken, gab man den Regisseurinnen eine Feuerstelle. „Death is a Caress“ (Original: „Døden er et kjærtegn“), Edith Carlmars Debüt aus dem Jahr 1949, führt unmittelbar hin wie hinab. Hin zu einem skandalösen Liebespaar (er: jünger und working class; sie: etwas älter und wohlhabend) und hinab, weil sich die scheinbar Furchtlose rasch mit einer Disposition zu erkennen gibt, welche ihren Geliebten in die Verzweiflung treibt: Eifersucht und das sich immer wieder einschleichende, giftig wirkende Gefühl, alsbald verlassen zu werden. Folglich schießen beide im Turbogang vom Himmel in die Hölle und wieder zurück.

13 Spielfilmarbeiten, drei Kurzfilme von fünf Pionierinnen des Film Noir: Muriel Box (Großbritannien), Edith Carlmar (Norwegen), Bodil Ipsen (Dänemark), Ida Lupino (USA) und Wendy Toye (Großbritannien). Im Kino Arsenal, seit dem 6. Juli und noch bis zum 8. August. Mehr unter: arsenal-berlin.de

Eine andere Besorgniserregende erwacht abermals unter der Regie Carlmars zu Leben: Eva führt in „Young Woman Missing“ („Ung frue forsvunnet“) von 1953 eine doppelte Existenz zwischen Drogensucht und dem Wunsch, ihrem Ehemann zu gefallen. Ein extremer Versuch der Auslotung eigener Bedürfnisse, der ein klägliches wie eindringliches Bild gesellschaftlicher Anpassungszwänge ausbreitet. Als mindestens ambivalent kann auch die 17-jährige Gerd (Liv Ullmann in ihrer ersten Hauptrolle) aus „Wayward Girl“ („Ung flukt“) gelten, die sich einerseits auf eine Flucht mit dem lieben Bürstenschnittler Anders einlässt, sich punktuell aber doch in die starken und schmutzigen Arme eines Landstreichers sehnt. Dass Carlmars Filme sich nicht damit aufhalten, Partei zu ergreifen, sondern auf das setzen, was sich an Himmel-Hölle-Gleichem in den Persönlichkeiten abzeichnet, wirkt weder gewollt noch besserwisserisch. Sondern tragisch, nah, nachvollziehbar – man ist einverstanden, ohne gutzuheißen. Allzu Eindeutiges halten diese Filme nicht bereit.

Auflockerung versprechen da hingegen die kurzen, ungemein aufwendigen Kurzfilme Wendy Toyes, die sich in eine ganz andere, ganz eigene und sehr bunte Region aufmachen und dort zwischen herrschaftlichen Vorlieben („The King’s Breakfast“, 1963) und übereifrigen Verehrern („On the Twelfth Day …“, 1959) nicht weniger als verzaubern. Wie im Übrigen auch eine zur Zwischenmiete im Hansaviertel wohnende Hildegard Knef als Nachtclubsängerin Lilli Hoffmann, der in Muriel Box’ „Subway in the Sky“ (1959) beim Küssen einmal das Handtuch vom Körper rutscht. Eine süße Preisgabe, die nichts Anzügliches an sich hat.

Dieser Text erscheint im taz.plan. Mehr Kultur für Berlin und Brandenburg immer donnerstags in der Printausgabe der taz

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