Pionierin des Frauenjudos: Gegen Männer und Schmerzen
Als Mann verkleidet begann Rusty Kanokogi ihre Judokarriere. Dank ihres Engagements trugen Frauen 1980 ihre erste WM aus und starteten bei Olympia.
D ass der Vater des modernen Männerjudos ein kleiner, ruhiger, disziplinierter Japaner namens Jigoro Kano war, sei keine Überraschung, schrieb Gary Smith 2008 in der Sports Illustrated. „Die Mutter des Frauenjudos dagegen? Eine große, laute, jüdische Großmutter aus Brooklyn. Und jeden Tag für eine Überraschung gut.“
Rusty Kanokogi wurde am 30. Juli 1935 als Rena Glickman in New York geboren. Sie arbeitete schon als Siebenjährige nach der Schule, und lernte, sich durchzusetzen. In den Fünfzigerjahren gründete sie eine Mädchengang, es kam regelmäßig zu Prügeleien. Bis zu dem Moment, in dem ihre Clique sie im Stich ließ und sie plötzlich allein von Polizisten umzingelt war.
Sport spielte da längst eine Rolle in ihrem Leben, mit den Hanteln ihres Bruders und einem Boxsack trainierte sie, meistens allein.
1955 war sie nach kurzer Ehe bereits geschieden und Mutter eines Sohnes, als ihr ein Freund eine Judo-Technik zeigte. Er war kleiner, leichter und warf sie trotzdem mühelos zu Boden. Rusty begann zu trainieren und erwies sich schnell als talentiert. Sie musste sich allerdings als Mann verkleiden, um überhaupt Judo betreiben zu dürfen.
Mit abgebundenen Brüsten
1959 trat sie als Ersatz bei der CVJM-Meisterschaft in New York an. Frauen waren nicht ausdrücklich ausgeschlossen, sie kamen schlicht nicht vor, im Anmeldebogen fehlte die Rubrik „Geschlecht“. Rusty schnitt sich die Haare kurz und band sich die Brüste ab. Als ein Teammitglied verletzt ausfiel, durfte sie kämpfen. Der Trainer riet ihr, sich zurückzuhalten, das Teamgold sei ohnehin sicher. Rusty ignorierte den Rat und gewann.
In ihren posthum erschienenen Memoiren beschreibt sie die Siegerehrung: „Ich bebte vor Stolz. Das war mein olympischer Moment.“ Kurz darauf forderte sie der Turnierdirektor auf, die Goldmedaille zurückzugeben, andernfalls werde ihr Team disqualifiziert. Er wisse, dass sie eine Frau sei, ihre Teilnahme sei illegal gewesen. Rusty überreichte ihm die Medaille, obwohl, wie sie es formulierte, „alles, was ich falsch gemacht hatte, war bloß, eine Frau zu sein“. Diese Demütigung vergaß sie nie – und nutzte sie immer wieder als Antrieb.
1962 ging sie nach Tokio an den Kōdōkan, die älteste Judo-Schule der Welt. Frauen durften dort zwar seit 1926 trainieren, allerdings getrennt von den Männern. Rusty wurde die erste Frau, die mit Männern trainieren durfte, erreichte den 2. Dan und lernte ihren späteren Ehemann Ryohei Kanokogi kennen, Schwarzgurt in Judo, Karate und Jōdō. 1964 heirateten sie in New York.
Danach begann ihre eigentliche Pionierarbeit, nebenher bekam sie noch zwei Kinder. 1966 organisierte sie das erste Frauenturnier, 1977 stellte sie ein jüdisches Frauenteam für die Makkabiade zusammen. Die erste Frauenweltmeisterschaft 1980 im Madison Square Garden wäre ohne sie nicht zustande gekommen, sie organisierte das Turnier und finanzierte es mit einer Hypothek auf ihr eigenes Haus.
Ihr Ziel blieb größer: Frauenjudo olympisch zu machen. 1988 war es so weit, nicht zuletzt, weil Rusty dem IOC mit Gleichstellungsklagen gedroht hatte. Sie nahm als Trainerin von Team USA teil, ihre Athletin Margaret Castro gewann Bronze.
Der Preis dafür war hoch. Der angeblich „sanfte“ Sport ging mit ihr ziemlich unsanft um: gebrochene Nase, dazu Frakturen am Arm und an beiden Schlüsselbeinen, rund 20-mal gebrochene Zehen sowie eine ausgekugelte Schulter. Viele dieser Verletzungen, sagte sie später, hätten auch damit zu tun gehabt, dass Männer es nicht ertrugen, gegen eine Frau zu verlieren. „Ich war für sie eine Bedrohung. Sie warfen mich nicht nur, sie versuchten, mich bis in den Keller zu werfen.“
Dass sie Schmerzen zu ignorieren gewohnt war, wurde ihr zum Verhängnis. Schulterprobleme ließ sie monatelang unbeachtet, bis ein Arzt ein aggressives multiples Myelom diagnostizierte, eine Krebserkrankung des Knochenmarks. Drei Jahre später, am 21. November 2009, starb Rusty Kanokogi im Alter von 74 Jahren.
Kurz zuvor wurde sie noch geehrt: 2008 mit dem Orden der Aufgehenden Sonne für ihre Verdienste um die japanische Kultur, 2009 mit einer Goldmedaille des YMCA für ihr Lebenswerk.
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