Pilotprojekt im Konzertsaal: Wie Kühe auf der Weide

Kann der Spielbetrieb trotz Pandemie wiederaufgenommen werden? Die Berliner Philharmoniker spielten am Samstagabend vor Besuchern.

Im Vordergrund der Dirigent Kirrill petrenko, dahinter dei Streichergruppe

Pilotprojekt im Konzertsaal: Die Berliner Philharmonikern mit Kirill Petrenko am vergangenen Samstag Foto: Stephan Rabold

BERLIN taz | Auf dem Weg in die Philharmonie zum Konzert am Samstagabend durch den Gleisdreieckpark gefahren, an einer Tischtennisplatte spielen welche Rundlauf, aus einer Musikbox weht Nena herüber. „Gib mir die Hand / Ich bau dir ein Schloss aus Sand / Irgendwie, irgendwo, irgendwann“. Abgesehen davon, dass Handgeben untersagt ist, die passende Ouvertüre für diesen Abend, der eine wichtige Frage stellt: ob nämlich das, was dieses Konzert bieten soll, mehr ist als nur eine Illusion.

Die Philharmoniker sollen spielen, die Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ von Tschaikowsky und Rachmaninows zweite Symphonie, es ist der Konzert-Auftakt eines Pilotprojekts in mehreren Berliner Kulturstätten, das zeigen soll, ob und wie das gemeinsame Erleben von Theater und Musik möglich ist. Hier, an diesem Abend, wird es ausprobiert.

1.000 Menschen sitzen da, ganz schön voll wirkt der Saal, man kennt das nicht mehr

Das Orchester in voller Größe, im Saal 1.000 Menschen, jeder zweite Platz besetzt. Die Hoffnung: Wenn es gut geht, könnte man es wagen. Die Voraussetzung: Jeder bringt neben der Eintrittskarte ein Ausweispapier und ein negatives Sars-CoV-2-Antigen-Testergebnis mit. Die Lust, trotz allem: riesig, schon nach 3 Minuten waren die Eintrittskarten weg. Die Düsternis: die Zahlen, die Inzidenz, „Gib mir die Hand / Ich bau dir ein Schloss aus Sand …“

Verheißungsvoll funkelnd taucht der Scharoun-Bau im Straßendickicht auf, still ist es, keine Plaudereien vor dem Eingang, eine Amsel singt ihr Abendlied. Im Foyer ist man angehalten, den farbig ausgeleuchteten Pfad zu nehmen, der einen zum jeweiligen Saaleingang führt. Diese sonst so flirrende Arena ist menschenleer, der Regierende Bürgermeister Müller wird gesehen, den steinernen Boden betrachtend, umgeben von seinem Gefolge.

Alles wie immer

Im Saal spielt sich die Kontrabassgruppe warm, tiefes Grummeln; Albrecht Mayer stößt dazu, einer der beiden Solo-Oboisten, girlandet ein paar Läufe – also alles wie immer, wäre es nicht das erste Mal nach langer Zeit. Jubel, als das Orchester aufläuft und die Eiermann-Stühle einnimmt. Kann das gut gehen? 1.000 Menschen sitzen da, ganz schön voll wirkt der Saal, man kennt das nicht mehr.

Die Intendantin Andrea Zietzschmann begrüßt – und wird bejubelt; Kultursenator Klaus Lederer hält eine Ansprache – und wird bejubelt. Die Welt schaut auf diese Stadt, sagt Zietzschmann, etwas pathetisch, aber es stimmt ja: Endlich wieder können Menschen zusammenkommen, wollen sich ergreifen lassen. Nervös sei er, sagt Lederer, weil es auch die gab, die gesagt hätten: „Ihr seid nicht ganz dicht“, in der Zeit der sich aufbäumenden dritten Welle Konzerte zu veranstalten.

Aber: Wo, wenn nicht hier, solle man es ausprobieren? In einem Saal mit sehr guter Be- und Entlüftungsanlage, mit Hy­gienekonzept und 1.000 negativen Testergebnissen, davon wurden allein 480 den Nachmittag über im Foyer genommen.

Kirill Petrenko, agil auf dem Weg zum Pult, milde lächelnd, und er wird bejubelt wie sonst nach dem Schlussakkord. Ja, so was muss es jetzt wieder geben – also müsste es, wenn die Inzidenz nicht so hoch und die Prozedur so aufwendig wäre.

Konzert nicht nur hören, sondern auch sehen

Ruhevoll beginnt das Konzert mit dem Bläserchoral aus Romeo und Julia, die Streicher bauen Spannung auf, die Harfe flicht Zartheit hinein, bald drängt die Musik nach vorne, bäumt sich auf, entlädt sich; und das ist es, was am stärksten gefehlt hat: ein Konzert nicht nur zu hören, sondern es auch zu sehen; Linien, die durch den Saal gezogen werden, Musik im Moment des Entstehens und sofortigen Verklingens.

Was für ein Genuss, Petrenko beim Antreiben und Bremsen, beim Aufwallen und Abdimmen zu beobachten. Ein Tänzer, ein Arbeiter, mal geht er in die Knie, schraubt sich hinein ins Orchester, steht bewegungslos da, lauscht, greift wieder zu. Und das Orchester folgt ihm, nimmt den Rachmaninow raumgreifend, führt ihn bis in den wuchtigen Schluss.

Unter seiner Maske murmelt ein Konzertgänger, ihn erinnere das an Kühe, die nach einem langen Winter erstmals wieder auf die Weide dürfen. Ein unerhörter Vergleich? Er meint das voller Anerkennung und Bewunderung. Nur dass Kühe wild herumspringen, sich hier aber die Musiker stets, wenn auch mit Verve, auf den Weg begeben, den Petrenko zeigt. Lang anhaltender, tosender Applaus – ein klares Votum: mehr davon.

Klaus Lederer hat angekündigt, diesen Probelauf, der sich noch bis in den April hinein erstrecken wird, auszuwerten. Welche Schlüsse daraus gezogen werden? Niemand kann es sagen, im Moment kann man es nur ahnen. Die Zahlen, die Zahlen.

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