Pilotkonditionierungsanlage Gorleben: Streit um die Atomfabrik

Die Pilotkonditionierungsanlage Gorleben sollte einst radioaktive Abfälle endlagerfähig verpacken. Ihr Abriss ist beschlossen – der Zeitpunkt nicht.

Vor den Toren der Pilot-Konditionierungsanlage (PKA) demonstrieren am Sonntag (03.10.1999) in Gorleben nach Polizeiangaben rund 450 Atomkraftgegner.

Vor der Anlage in Gorleben demonstrieren im Oktober 1999 Atomkraftgegner Foto: Rainer Jensen/dpa

GÖTTINGEN taz | Die nukleare Pilotkonditionierungsanlage (PKA) in Gorleben führte lange Zeit ein Schattendasein. Wer von den Atomanlagen vor Ort redete, meinte meist das Erkundungsbergwerk für ein Endlager. Oder die beiden Zwischenlager für radioaktive Abfälle – in einem werden 113 Castorbehälter mit hochradioaktivem Atomschrott geparkt, im anderen lagern Tausende Fässer und Container mit schwach und mittelaktivem Müll. Nun rufen Atomkraftgegner die „versteckte“ Fabrik in Erinnerung und fordern ihren zügigen Abriss.

Begleitet von Protesten erfolgte im Frühjahr 1990 der erste Spatenstich für die PKA. Mehrere Hundert Menschen hatten zuvor das Baugelände besetzt und Hütten errichtet. Sie wurden von der Polizei abgeräumt. Weitere Demonstrationen und Klagen konnten den Bau nicht stoppen. Der verschlang umgerechnet rund 400 Millionen Euro.

Die PKA besteht im Kern aus sogenannten „heißen Zellen“, in denen hinter dicken Betonwänden und Bleiglasfenstern stark strahlende Abfälle mit Robotern bearbeitet werden können. In der Anlage sollten probeweise abgebrannte Brennstäbe aus den großen und schweren Castoren in kleinere Behälter verpackt, also für eine ­direkte Endlagerung „konditioniert“ werden. Die PKA als Versuchs- und Erprobungsanlage zur Herstellung „endlagerfähiger Gebinde“ – so beschrieb der damalige Betreiber, die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS), den Nutzungszweck.

Zwischenzeitlich hat sich dieser Arbeitsauftrag erledigt. Er hätte nur Sinn gemacht, wenn in Gorleben gleichzeitig das zentrale Endlager für Atommüll eingerichtet worden wäre. Davon nahm die Politik bekanntlich Abstand. 2017 wurde das Suchverfahren neu gestartet. Im September 2020 schied der Salzstock Gorleben aus dem Verfahren aus.

Anlage ist bis heute nur auf Stand-by

Für die PKA bedurfte es also einer neuen Daseinsberechtigung. Politik und Betreiber erklärten die Fabrik deshalb zur Service- und Reparaturstation für defekte Castor-Behälter. Die Atomgegner brachte das auf die Palme: „Wenn die Behälter unsicher sind, dürfen sie gar nicht benutzt werden“, erboste sich schon vor Jahren die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg.

Selbst wenn man die Notwendigkeit einer Reparatureinrichtung unterstelle, müssten aus denselben Erwägungen auch an anderen Zwischenlagern für hoch radioaktiven Müll vergleichbare Anlagen gebaut werden.

Gleichzeitig machte die BI auf das ihres Erachtens erhebliche ­Gefahrenpotenzial der – technisch im Übrigen veralteten – Anlage aufmerksam: Über den 60 Meter hohen Schornstein und über eine Pipeline zur Elbe könnten größere Mengen Radioaktivität in die Umwelt gelangen.

Offiziell aufgegeben ist das Reparaturkonzept bis heute nicht. „Die PKA dient derzeit noch für eine mögliche Reparatur der Behälter aus Gorleben, die mit hochradioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung oder mit bestrahlten Brennelementen beladen sind“, bestätigt der Sprecher der bundeseigenen Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ), Tristan Zielinski, der taz. Tatsächlich läuft die Anlage bis heute nur auf „Stand-by“ und nahm noch nie den „heißen“ Betrieb auf.

Dass die Tage der PKA gezählt sind, machte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) schon vor mehr als zwei Jahren klar. Die Fabrik sei ein „Relikt aus alten Zeiten“, sagte der SPD-Politiker im September 2019 bei einem Besuch in Gorleben. Der ganze Prozess werde keine Jahrzehnte dauern, „der Weg ist bereits beschritten und werde darin münden, dass die PKA zurückgebaut wird.“ Wann das sein wird, konnte der Minister damals aber nicht sagen.

Atomkraftgegner fordern schnelleren Rückbau

Der Abriss soll voraussichtlich 2026 beginnen, erklärte jetzt die BGZ auf taz-Anfrage: „Eine seriöse Prognose des Abbruchzeitraums ist erst abschließend möglich, nachdem die genehmigungsrechtlichen Voraussetzungen und alle Nebenbestimmungen für den Rückbau vorliegen.“

Atomkraftgegner drängen darauf, dass es schneller losgeht. Die Kosten für den Unterhalt der PKA beliefen sich jährlich auf 6,3 Millionen Euro, bemängelt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. Das kritisiert auch der Bund der Steuerzahler. Die PKA sei technisch veraltet und im Grunde überflüssig, findet auch er.

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