Pfingsten und weltliche Utopie

In fremden Zungen

An Pfingsten reden die Jünger in fremden Sprachen – und jeder kann sie verstehen. Was die Utopie schrankenloser Kommunikation mit uns zu tun hat.

Zeichnung von Jesus mit seinen Jüngern

Bildnis von 1180: Der Heilige Geist kommt über die Jünger Foto: Wikimedia/gemeinfrei

HAMBURG taz | Lassen sich aus einem christlichen Fest wie Pfingsten säkulare Anregungen ziehen? Der Heilige Geist soll an jenem Tag in Jerusalem die Menschen erfüllt haben, so heißt es in der Bibel. Sie waren etwas durcheinander, bis Petrus zu predigen anfing. Siehe da: Immer mehr wurden zu Christen.

Heute hat Pfingsten für viele mehr mit Grillen denn mit Geist zu tun. Gleichwohl kann man sagen, dass es ein Fest der Kommunikation ist. Damals, in Jerusalem, sollen die Menschen plötzlich in den jeweils anderen Sprachen geredet beziehungsweise jeder den anderen so verstanden haben, als spreche er in seiner eigenen. Ein Wunder, so sagt es die Kirche, ein Euphemismus für Missionierung, sagen KritikerInnen.

Der Heilige Geist, so könnte man auch sagen, scheint mit dem Babelfisch verwandt, jenem Übersetzungstier, das in Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ seinen großen Auftritt hat. Allerdings: Dass wir uns alle umstandslos verstehen, ist eine durchaus linke Utopie – nicht nur über Grenzen hinweg, im Sinne dessen, was einst „Völkerverständigung“ hieß, als es noch selbstverständlich war zu glauben, von ethnisch abgrenzbar verschiedenen „Völkern“ sprechen zu können. Sondern auch innerhalb der Grenzen der eigenen Gesellschaft.

Von der Selbstverständlichkeit, wie sie in Berliner Szene-Vierteln zu beobachten ist, wo Englisch zur Alltagssprache – und sogar an mancher Einkaufskasse bereits zur Geschäftssprache – geworden ist, sind die meisten Gegenden in Deutschland weit entfernt.

Missverhältnisse und Missverständnisse

„Man spricht Deutsh“ heißt es nicht nur im Film von Gerhard Polt, der deutsche Touristen im Ausland karikiert, sondern auch bei vielen Vorstellungsgesprächen. Für die gelingende Integration von MigrantInnen gilt der Erwerb der deutschen Sprache als Grundvoraussetzung.

Birgit Behrensen, Professorin für Soziologie für die Soziale Arbeit an der Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, sieht hier allerdings sowohl Missverhältnisse wie Missverständnisse. Sie beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Integration und hält die Formulierung der „Sprache als Schlüssel zur Integration“ für tautologisch.

„Sie erklärt nicht, sondern sie ist ein Zirkelschluss“, sagt Behrensen. „Wer gut und schnell in der Lage ist, die deutsche Sprache zu lernen, hat ohnehin bessere Integrationschancen. Und wer bessere Integrationschancen hat, hat mehr Möglichkeiten, gut und schnell Deutsch zu lernen.“

Die Soziologin kritisiert, dass denjenigen, die langsamer lernten, hingegen oft weniger Integrationsbereitschaft und -fähigkeit unterstellt würde. Dabei seien die Hürden hoch: „Es braucht eine gehörige Portion an psychischer Stabilität, um sich zum Beispiel im Chaos einer unsicheren Bleibeperspektive überhaupt auf das Lernen konzentrieren zu können.“

Sprache als Herrschaftsinstrument

Wie viel Sprache mit Macht zu tun habe, lasse sich laut Behrensen unter anderem an der Abwertung und Diskriminierung Gehörloser erkennen. „In einer oralen Kultur, die eine des hörenden Establishments ist, ist der Weg zum Dominiertwerden und zur Abwertung als Dumm sehr kurz.“

Auch die verschiedenen Etappen des Ankommens von MigrantInnen in Deutschland sind Beispiele für Sprache als Herrschaftsinstrument: in Situationen etwa, in denen sie von einer korrekten Übersetzung und zugewandten Sprachvermittlung abhängig sind. Kulminationspunkt für viele Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Deutschland ist die mündliche Anhörung vor dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, bei der sie ihre Fluchtgründe vortragen sollen und deren Ausgang über den weiteren Lebensweg entscheidet.

Probleme mit DolmetscherInnen sind hierbei Alltag. Erst seit 2017 müssen diese einen Sprachnachweis vorlegen, während der „Flüchtlingskrise“ 2015 war lediglich eine „Selbsteinschätzung“ zu den eigenen Fähigkeiten nötig. Dass Flüchtlinge bei den Anhörungen teilweise auch auf Angehörige von Gruppen treffen, vor deren Verfolgung sie geflohen sind, ist ein weiteres Problem.

Barrieren gibt es auch später bei der Sprachförderung. Während die Bundesrepublik mit den Goethe-Instituten im Ausland in die Vermehrung von Kenntnissen der deutschen Sprache investiert, gilt das für Flüchtlinge und MigrantInnen in Deutschland nur ausgewählt.

Menschen mit sogenannter „geringer Bleibeperspektive“, etwa aus Afghanistan, Pakistan und Südosteuropa, wird der Genuss der offiziellen Integrationskursen verwehrt. Wer in Deutschland unerwünscht ist, lernt damit auf eigene Weise – oder vielmehr: auf die harte Tour –, was deutsch ist.

Anerkennung durch Sprache

Auch die korrekte Grammatik indes schaltet gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse noch nicht aus. Dass Sprecher ohne Sprachkompetenz zum Schweigen verurteilt seien, auf diese Erkenntnis des französischen Soziologen Pierre Bourdieu verweist der Bildungswissenschaftler Paul Mecheril, der bis vor Kurzem an der Uni Oldenburg war und seit Juni mit dem Schwerpunkt Migration an der Uni Bielefeld lehrt.

Er betont die Machtdimension von Sprache als Mittel gesellschaftlicher Anerkennung. Es sei wichtig zu fragen, wer befugt ist, wann, wie, zu wem und über wen oder was zu sprechen.

Ohne den Heiligen Geist lässt sich das beseelte universale und wechselseitige Sprachverständniswunder jedoch nicht so leicht bewältigen. Es bleibt die profane Sprachförderung – vornehmlich in der Schule. Mecheril hat dazu einen durchaus radikalen Rat an die PädagogInnen: Unter Bedingungen migrationsgesellschaftlicher Mehrsprachigkeit sei es sinnvoll, „den klassischen Begriff der Muttersprache zu hinterfragen“, schreibt er in einem Handbuch zur Migrationspädagogik.

Auf unbestimmte Dauer würden in Deutschland in erheblichem Maße auch andere Sprachen als Deutsch gesprochen, so Mecheril. „Will man ihnen pädagogisch nicht mit Gewalt eines Redeverbots begegnen, bleibt keine Alternative als die faktische Pluralität der Sprache, die in Deutschland gesprochen werden, erstens zur Kenntnis zu nehmen und diese zweitens in einem grundlegenden Sinne zu achten.“

Bei der Frage, wer welche Sprache können sollte, verweist auch die Soziologin Behrensen auf Ideen jenseits des europäischen Horizonts und nennt den kenianischen Schriftsteller Ngugi wa Thiong’o. Der meint, für die weltweite schnelle und einfache Kommunikation brauche es eine Verkehrssprache, die sich nicht mit Gewalt durchgesetzt hat, also keine der heutigen dominierenden Sprachen sei, die auf kolonialer und imperialistischer Gewalt fußen.

Sein Vorschlag: KiSwahili.

Mehr über die Utopie einer schrankenlosen Kommunikation lesen Sie im aktuellen Wochenendschwerpunkt der taz nord oder am E-Kiosk.

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