Petition der Woche: Das Märchenland von CitizenGo

Ein neu verfasstes Märchenbuch mit Hel­d:in­nen aus Minderheiten löst eine Debatte aus – die lauteste Gegenstimme kommt von CitizenGo.

schwarz weißes Bild, Rotkäppchen und der Wolf neben Baumstämmen

Hier ist noch ein traditionelles Rollenverständnis am Werk. Es sei denn, Rotkäppchen frisst den Wolf Foto: Picture Alliance

Ein Prinz verliebt sich in einen Prinzen, Aschenputtel ist lesbisch, eine trans Person tötet Drachen, und eine Prinzessin möchte lieber die Welt sehen, statt zu heiraten. So passiert es in den Geschichten des ungarischen Buchs „Märchenland für alle“. 17 Autorinnen und Autoren verfassten die Märchen, sie wollen, dass Menschen aus Minderheiten in der Gesellschaft gesehen und akzeptiert werden.

Das Buch löst eine Debatte aus, Konservative und Rechte reagieren mit Empörung. Eine der lautesten Stimmen ist die von CitizenGo. Das Team der rechtskonservativen und antifeministischen Organisation initiierte wenige Tage nach der Buchveröffentlichung eine Petition, die fordert, den Verkauf zu stoppen.

Petition von CitizenGo gegen LGBTIQ-Rechte

„Unterstützen Sie Ungarn beim Schutz der Kinder vor Sexualisierung und vor den Gehirnwäsche-Bestrebungen der LGBTQ-Lobby!“, so lautet die Forderung der Petition. Die Lobby habe die meisten internationalen Institutionen und immer mehr nationale Regierungen übernommen und habe es auf junge Kinder abgesehen. Die Bewegung müsse gestoppt werden, die Darstellung von Minderheiten und insbesondere von homosexuellen Paaren dürfe nicht normalisiert werden.

Mehr als 50.000 Menschen haben die Petition unterschrieben, für CitizenGo noch nicht genug. Mindestens 100.000 Unterschriften wollen sie sammeln – 100.000 Unterschriften gegen LGBTIQ-Rechte, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Doch wer steckt hinter diesen Forderungen?

Die in Spanien als Stiftung eingetragene Onlineplattform ist eine der wichtigsten antifeministischen Organisationen in Europa. Sie arbeitet in zwölf Sprachen und hat laut eigenen Angaben mehr als 15 Millionen Nut­ze­r:in­nen weltweit. Mit genau geplanten Onlinepetitionen und Kampagnen will CitizenGo nationale Regierungen, das europäische Parlament und internationale Institutionen beeinflussen.

Wikileaks veröffentlicht Datensatz von CitizenGo

Wikileaks veröffentlichte jetzt einen Datensatz der Organisation mit internen Dokumenten und Spender:innenlisten. Die taz konnte ihn vorab auswerten und die Finanzierung und Strategien von CitizenGo offenlegen (taz vom 6. 8.). Geld kommt unter anderem von einem russischen Oligarchen, einem Funktionär der christlichen Rechten in den USA und von katholischen Klein­spen­de­r:in­nen – darunter vielen aus Deutschland.

Die Kampagnen und Petitionen von CitizenGo beziehen sich auf gesellschaftliche Themen, die Forderungen der Organisation sind rechtskonservativ: Frauen dürften kein Recht auf Abtreibung haben, Transgender sollten von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden, Regenbogenfahnen hätten weder in Kampagnen der Deutschen Bahn noch im Sport etwas zu suchen, und Netflix solle aufhören, „blasphemische“ Darstellungen von Jesus oder homosexuellen Liebesgeschichten zu veröffentlichen.

Was online beginnt, kann sich offline auswirken. Der Herausgeber des ungarischen Buchs, Nagy Boldizsár, wurde nach der Veröffentlichung der Märchen persönlich angefeindet. In einem Interview mit einem ungarischen Nachrichtenportal sagte er, dass er sich aufgrund der aktuellen Politik in seinem Heimatland nicht mehr sicher fühle. Er und sein Lebenspartner haben sich dazu entschlossen, Ungarn zu verlassen. Maike Schulte

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