Peter Unfried Die eine Frage: Brauchen wir endlich eine Bundespräsidentin?
Braucht es „eine Frau“ im Amt des Bundespräsidenten? Manche knurren jetzt sicher, es müsse heißen: „im Amt der Bundespräsidentin“. Meinetwegen gern, aber damit verlagern die einen traditionellen Fortschritt auf eine korrektsprachliche Ebene. Den anderen ist das völlig schnurz. Jedenfalls ist meine Antwort Nein. Selbstverständlich ist nach zwölf Männern eine Frau in Anbetracht von Geschlechterrepräsentation mehr als angemessen, gern auch die nächsten zwölf. Allerdings: Welche und wozu? Hit me, aber Alice Weidel ist auch eine Frau.
Dieses Amt braucht kein Geschlecht. Eine Geschlechtsidentität greift genauso zu kurz wie eine Parteienidentität. Es braucht eine Person, die den Ernst der Lage und unsere Möglichkeiten intellektuell und rhetorisch umreißen kann und das möglichst vielen Leuten so näherbringt, dass es sie erreicht, bewegt und es sich individuell und gesellschaftlich konstruktiv auswirkt.
Das klingt realpolitisch naiv, denn so läuft es bekanntlich nicht. Es läuft so, dass Friedrich Merz jemanden vorschlägt und, wenn er schön Obacht gibt, dann auch jemanden, der bei der Wahl eine Mehrheit bekommt. Aber wir sollten die Möglichkeit verfolgen, dass die Interessen an dem Amt über die Parteien hinausgehen, die die Mehrheitsstimmen besorgen, und auch über die Geschlechterrepräsentation.
Soll es in diesem Sinne eine Politökonomin aus Potsdam mit Transformations-Know-how sein, eine Klimaaktivistin, für die man die Altersgrenze senkt, ein schwäbischer Hannah-Arendt-Ultra, ein Philosophenweltpolitiker, eine Gegenwartsautorin, die alle Seiten der Gesellschaft anzusprechen bereit ist, Stadt, Land, West, Ost und gerade auch AfD-Wähler? Eine liberalkonservative Jüdin, die eine heterogene Mitte der Gesellschaft und die unauslöschliche Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel klammert?
Das Biografische ist indes nur eine Facette, sowohl was die Symbolik angeht als auch das Kultur- und Kompetenzfeld. Die Gegenwart ist voller Widersprüche, überall gibt es Zielkonflikte, und eine zentrale Aufgabe eines Bundespräsidenten könnte es sein, diese Widersprüche aufzuzeigen und möglichst vielen Leuten nahezubringen, sich nicht mehr wegzuducken, sondern sie anzunehmen und zu versuchen, damit umzugehen. Das Ziel müsste es sein, nicht durch einen Schnarchmodus im Politikerbeliebtheitsranking verlässlich ganz oben zu stehen, sondern Leben in die diskursive Bude zu bringen.
Peter Unfried ist Chefreporter der taz.
Selbstredend würde erst mal das übliche Geheule losgehen: Darf die oder der das? Das haben wir doch noch nie so gemacht! Ist das nicht „neoliberal“ oder „links“? Sind wir nicht eh schon so gestresst?
Leute, wir sind einfach nicht mehr in der gemütlichen Situation, in der man sagen kann: Ist doch eh egal, wer Bundespräsident ist. Oder Jahrzehnte davon schwärmen kann, dass einer mal eine „Ruckrede“ gehalten hat, nach der überhaupt nichts geruckt ist, was aber okay war in einer Zeit, in der gut gemeintes Sprechen als Exzellenzbeweis galt. Jetzt muss es wirklich rucken. Dafür muss man ehrlich, differenziert, konstruktiv und empathisch sprechen und auch knallhart Probleme, Ziele, Ansprüche diskutieren und dann zu Wegen und Lösungen kommen.
Das richtige Sprechen unserer Zeit weiß um die Widersprüche und ist damit jenseits des „richtigen Sprechens“ der Parolen und Korrektheiten. Durch die Videos des Ampelvizekanzlers Robert Habeck, seine öffentlichen Ansprachen zu den großen Fragen der letzten Jahre (etwa zu Ukraine und Palästina) wurde sichtbar, was es da für ein Vakuum gab, und auch, was für einen Bedarf. So ein selbstreflexives, abwägendes, kluges, mutiges Sprechen muss Maßstab sein und fachliche Qualifikation für die nächste Bundespräsidentin (w/m/d). Ich freue mich auf Ihre Bewerbung.
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