piwik no script img

„Per Schlagstock geweckt“

Ulrich Herbeck (36) wurde bei den Protesten gegen IWF und Weltbank in Prag verhaftet. Ein Interview über seine Erfahrungen im tschechischen Gefängnis

taz: Sie waren jetzt eine Woche in Prag, davon fast vier Tage in Haft. Am Freitagabend sind Sie aus dem Abschiebegefängnis in Balkova an der deutsch-tschechischen Grenze freigelassen worden. Warum sind Sie festgenommen worden?

Ulrich Herbeck: Am späten Dienstagnachmittag kesselte die Polizei etwa vierzig BlockiererInnen, unter denen ich mich befand, ein und nahm uns alle fest. Zunächst wurden alle Fernsehteams, darunter auch ein ZDF-Team, unter unserem Protest aus dem Gebiet rausgeleitet. Dann wurden wir von behelmten und bewaffneten PolizistInnen mit massivem Gewalteinsatz festgenommen. Die Festnahme erfolgte ohne Ankündigung und Aufforderung, den Platz zu verlassen. Erst auf der Polizeiwache ist uns die Teilnahme an einer illegalen Demonstration und das Nichtbefolgen von Polizeimaßnahmen vorgeworfen worden.

Was passierte dann?

Wir konnten weder Kontakt zur Botschaft, zu unseren Angehörigen oder zu Anwälten aufnehmen und sind von Anfang an terrorisiert worden. Uns wurden immer wieder Schläge angedroht. Besonders in der zentralen Ausländerpolizei wurde wir schikaniert und hatten die ersten eineinhalb Tage absoluten Schlafentzug. Ich denke, dass die Polizei gegen ihre eigenen Regeln in mehrfacher Hinsicht verstoßen hat. Sowohl was das Verbot des Außenkontakts angeht als auch die Dauer der Zeit, die wir in Handschellen waren und die wir ohne Essen und Trinken oder eine Schlafmöglichkeit auskommen mussten. Wir hatten die gesamte Zeit keinerlei juristischen Beistand und wurden immer wieder gezwungen, Papiere zu unterschreiben, die nur teilweise übersetzt wurden. Im Hof der Polizeiwache mussten wir an Handschellen gefesselt mit dem Gesicht zur Wand stehen und durften uns nicht unterhalten.

Wann sind Sie zur zentralen Ausländerpolizei gebracht worden?

Am Mittwoch morgen brachten sie uns dort hin. Dort war die Einschüchterung systematischer und massiver. Wir mussten uns in Reih und Glied aufstellen, wer ein bisschen zu weit links oder rechts stand, wurde gleich geschubst und bekam Schläge angedroht. Ein Typ neben mir ist eingeschlafen und wurde per Schlagstock wieder aufgeweckt. Auch da mussten wir mit erhobenen Händen und gespreizten Beinen mit dem Gesicht zur Wand stehen. Wenn man nicht so stand, wie sie wollten, haben sie die Beine mit dem Schlagstock auseinandergezerrt oder uns geschlagen. Einem Mithäftling haben sie dabei die Nase gebrochen.

Haben Sie gegen die Maßnahmen protestiert?

Jeglicher Protest oder das Verlangen nach einem Anwalt oder einem Telefongespräch wurde nicht ernst genommen und abgelehnt. Wir wurden angeschrien. Von der zentralen Ausländerpolizei wurden wir noch am Mittwoch in Handschellen in einem Bus in das Abschiebegefängnis in Balkova gebracht. Dort bin ich bis zu meiner Freilassung in Hungerstreik getreten, so wie die meisten meiner deutschen Mitgefangenen.

Interview: MAJA SCHUSTER

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen