Pathologisches Lachen und Heulen: So lustig, es ist zum Weinen

Gefühlsausbrüche in der Öffentlichkeit erwecken oft Misstrauen statt Empathie. Unsere Autorin kennt das. Sie plädiert für mehr Verständnis.

Die drei Spalten eines Spielautomats, in dem sich symbole drehen. Links ist ein trauriger Smilie in der Mitte ein lächelnder. Ganz rechts ist es verschwommen.

Können manchmal gleichzeitig auftreten: widersprüchliche Gefühle Foto: getty

Meine Mutter war schon immer eine Frau, die nicht allzu viele Emotionen zeigte. Selten sah ich sie in Tränen ausbrechen, noch seltener mit einem Lächeln auf den Lippen. Wenn sie weinte, versuchte sie es heimlich, oder dabei so leise zu sein, dass wir sie nicht hören konnten.

Deshalb erinnere mich genau an das erste Mal, als meine Mutter so laut und extrem lachte, dass sie im nächsten Moment zu weinen anfing. Sie zu beruhigen war nahezu unmöglich. Sie schien sich selbst nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Ihre Stimmung wurde unberechenbar. Nichts Bestimmtes musste passieren, um einen Anfall auszulösen, auf einmal lachte sie los, bis die Tränen im nächsten Moment flossen. Niemand brachte sie zum Arzt, und eine Diagnose sollte erst Jahre später gestellt werden: pathologisches Lachen und Weinen.

Mein Vater fand das alles unsinnig. Er beschrieb meine Mutter als „eben emotional“ und „hysterisch“. Ihre Krankheit war für ihn ein ganz normaler Zustand. Auch für ihren Freundeskreis schien meine kranke Mutter nicht anders zu wirken als sonst. Ihre Freunde lachten sie während ihrer Anfälle aus, rieben ihr Kolonya ins Gesicht (ein Desinfektionsmittel, meist mit Zitronenduft, das als Hausmittel bei leichten körperlichen Beschwerden verwendet wird) oder gaben ihr eine Ohrfeige. Sie nahmen an, das würde ihr helfen. Sie sagten ihr, sie solle vernünftig sein und sich beruhigen. Sie dachten, sie könne ihre Anfälle sicher irgendwie steuern. Ich war noch ganz klein und wusste auch nicht, was ihr fehlte. Für ihr Umfeld galt meine Mutter nun als Frau, die nur an Aufmerksamkeit interessiert war, ihre Krankheit rückte in den Hintergrund.

Emotional, unberechenbar, hysterisch

Zwanzig Jahre später schaute ich mir ein Youtube-Video an, in dem jemand ein lustiges Gesicht machte. Plötzlich fing ich an, so krass zu lachen, bis die Tränen liefen – und dann weinte ich, als wäre mir etwas Schreckliches passiert. Seitdem bin auch ich eine emotionale, unberechenbare, hysterische Frau.

Dr. Google spuckte den Begriff pathologisches Lachen und Weinen aus. Beschrieben wird es als unwillkürliches, krampfhaftes Lachen oder Weinen, das durch unspezifische Reize ausgelöst werden kann und in Form eines Automatismus oder einer Stereotypie abläuft. Es wird nicht von einer entsprechenden Gefühlsregung begleitet und kann unvermittelt ins Gegenteil umschlagen.

Was genau im Gehirn passiert, welche Regionen geschädigt sind und die genauen Gründe für die Krankheit sind noch unbekannt. Auslöser können ein Schlaganfall oder Epilepsie sein. Auch Multiple Sklerose, Schizophrenie oder ein Hirntumor sind mögliche Erklärungen. Eine Heilung gibt es nicht. Generell ist die Krankheit sehr selten, selbst einige Ärz­t:in­nen kennen sie nicht, weshalb viele Menschen nie oder falsch diagnostiziert werden.

Auch ich habe bis heute keine ärztliche Diagnose erhalten, hatte nie epileptische Anfälle oder Hirnschäden. Trotzdem misslingt es mir wieder und wieder, meine Regungen zu kontrollieren. Woher die Anfälle bei mir stammen, weiß ich nicht.

Der lachende Mann aus Wales

Bekannt wurde der Begriff „pathologisches Lachen“ erst 2007, als der Fall eines Mann namens Paul Pugh Aufmerksamkeit erregte. Nachdem der Waliser eines Abends von einer Gruppe Männer angegriffen wurde, die seinen Schädel brachen und er daraufhin zwei Monate im Koma lag, verlor auch er die Kontrolle über seine Gefühlsregungen.

Bei einem Termin mit seiner Ärztin wollte er weinen, fing aber stattdessen an zu lachen. Auch bei ihm war den Ärz­t:in­nen zunächst nicht klar, um welche Krankheit es sich handelte.

Außer Kontrolle

Es ist ein komisches Gefühl, die Kontrolle über sich selbst zu verlieren. Immer wieder passiert es mir, dass ich mir einen Film ansehe, der mich nicht einmal besonders berührt, und merke, wie ich zu weinen beginne. Ich versuche dann, mich zu beruhigen; gelingt es mir nicht, gebe ich die Kontrolle über mich selbst an die Krankheit ab. Manchmal lasse ich es einfach passieren.

Oft ist mir das etwas peinlich. Vor allem, wenn ich sehe, wie unangenehm es den Menschen um mich herum wird, wenn Lachen oder Weinen auf einmal aus mir herausplatzt. Natürlich wissen Fremde nicht, dass ich nichts für diesen vermeintlichen emotionalen Ausrutscher kann, aber die Reaktionen sind immer gleich: Ich werde angestarrt und behandelt wie eine betrunkene, überemotionale Frau. Die Menschen möchten Abstand von mir gewinnen und bewegen sich weiter und weiter weg. Es ist ihnen peinlich, dass ich gerade lache oder weine – als würde nicht ich gerade die Kontrolle über mich selbst verlieren, sondern sie.

Wieder und wieder misslingt es mir, meine Regungen zu kontrollieren.

Deutschland ist eine kontrollierte Gesellschaft. Und wer die Kontrolle verliert, der hat wohl etwas in der Sozialisation verpasst. Selbst Kinder, die in einem Supermarkt nach ihren Eltern schreien oder weinen, weil sie ihre Süßigkeiten nicht bekommen, werden schief angesehen. Und natürlich auch die Eltern, die versäumt haben, ihren Kindern Manieren beizubringen.

Unverständnis und Mitleid

Uns ist es wichtig, den Anschein zu wahren. Wenn ich, eine erwachsene Frau, lauthals lache oder bitterlich weine, fühlen sich andere von so viel nach außen getragener Emotion belästigt. Das bekomme ich immer wieder zu spüren.

Dazu muss man sagen: Natürlich gibt es unterschiedliche Reaktionen auf die jeweiligen „Gefühlsausbrüche“. Das Lachen ist in Ordnung, es steckt an. Sieht mich aber jemand weinen, ändert sich der Ausdruck. Er wird mitleidig. Menschen möchten mich sofort trösten. Dass ich aber gar nicht traurig bin, wissen sie nicht. Und wenn sie mich fragen, was los ist, und ich weinend versuche zu erklären, dass nichts los ist, dass ich an einer Krankheit leide, sind sie nur noch besorgter um mich.

Was hilft

Mittlerweile ist mein pathologisches Lachen und Weinen für mich kein Hindernis mehr im Alltag. Ich habe eigene Methoden entwickelt, um mit den Anfällen umzugehen.

Ist etwas lustig und ich merke, dass ich anfangen werde zu lachen oder sich Tränen ankündigen, kann ich das mittlerweile ganz gut unterdrücken. Manchmal verlasse ich den Raum und lasse das Lachen einfach raus. Bin ich bei Freunden oder meiner Familie, ist es einfacher damit umzugehen, da sie von meiner Krankheit wissen. Bin ich allerdings in der Öffentlichkeit, ist es schwieriger.

Letztes Jahr stand ich auf einer Bühne und las ein Gedicht vor. Mitten beim Lesen bemerkte ich, dass mein Gesicht wärmer wurde und sich Tränen ankündigten – ich sah ins Publikum, um mich daran zu erinnern, wo ich war, und nahm einen Schluck Wasser. Letztendlich schaffte ich es weiterzulesen, ohne von der Bühne zu gehen oder eine größere Pause einzulegen. Natürlich hat das Publikum trotzdem den kleinen Frosch bemerkt, den ich im Hals hatte, und mich nach der Veranstaltung wieder mit dem Mitleidsblick angesehen. Wahrscheinlich dachten die Zuschauer, dass mich die eindringlichen Worte mitgenommen hätten.

Mit meinem pathologischen Lachen und Weinen zeige ich anderen, dass wir alle emotionale Wesen sind, dass Emotionen manchmal unkontrollierbar sind und auch mal Gassi geführt werden müssen. Statt uns als kontrollierte Gesellschaft zu rühmen, sollten wir offene Gefühlsausbüche wertschätzen und Menschen nicht als „zu emotional“ abstempeln, nur weil sie offen zeigen, wie es ihnen geht.

Auch wenn ich und meine Mutter nichts für unsere Ausbrüche können: Auch viele gesunde Menschen haben Angst, ihre Gefühle offen zu zeigen. Ich verstehe das. Ich erlebe die Unfähigkeit, mit einem lauten Lachen oder offenem Weinen umzugehen jeden Tag.

Manchmal sind Dinge eben zum Lachen, manchmal sind sie zum Weinen. Wenn wir über sie lachen und weinen, weinen und lachen, abwechselnd und laut – wäre das wirklich so schlimm?

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