Das war auch: Opferschützer vor Gericht
Der Prozess gegen den ehemaligen Leiter des Weißen Rings in Lübeck geht nach zwei Verhandlungstagen in die Halbzeit. Eine Frau, die im April 2016 in seinem Büro Hilfe suchte, wirft dem 74-jährigen Detlef H. vor, sich während einer Beratung vor ihr entblößt und sie aufgefordert haben, seinen Penis anzufassen. Er habe ihr angeboten, ihre finanziellen Probleme durch Prostitution zu lösen. Er streitet das ab und schildert in seiner Aussage, sie habe umgekehrt ihn gebeten, sie für Sex zu bezahlen oder ihr Männer zu vermitteln, die sie als Sexarbeiterin gut bezahlen könnten.
Dass der Prozess bundesweit Aufmerksamkeit bekommt, hat mehrere Gründe. Neben dem aktuellen Fall gibt es 28 weitere Frauen, die Detlef H. unabhängig voneinander sexuelle Übergriffe vorwarfen. Allerdings: Einige der Vorwürfe wurden vom Gericht nicht angenommen, andere waren verjährt oder fielen unter den Straftatbestand der sexuellen Belästigung, den es erst seit Ende 2016 gibt. Nach Angaben der Lübecker Nachrichten wurden 20 Ermittlungsverfahren gegen H. eingeleitet und 16 davon wieder eingestellt.
Hinzu kommt: Im Kontext einer Krisenberatung sind sexuelle Delikte als besonders problematisch anzusehen – diese Einschätzung vertritt auch die Richterin Andrea Schulz. Detlef H. war als Leiter des Weißen Rings „eine öffentliche Person“, sagt Rainer Tolksdorf, ein Bekannter des Angeklagten. „Jeder kennt ihn in Lübeck.“
Im aktuellen Verfahren geht es nun formell „nur“ um Exhibitionismus, weswegen das Landgericht den Fall an das Lübecker Amtsgericht gegeben hat. Es steht Aussage gegen Aussage, die Beweislage ist schwierig. So versucht H.s Verteidiger, Oliver Dedow, „Fehler in der Anklage zu finden“. Am Ende des ersten Verhandlungstags beantragte er zum Beispiel, die Ehefrau seines Mandanten als Zeugin dafür zu hören, dass dieser keine weiße Feinripp-Unterwäsche besitze. Bei der Polizei hatte die anzeigende Frau zu Protokoll gegeben, dass er solche Unterwäsche getragen habe.
In zwei Wochen geht der Prozess weiter, das Urteil wird am 15. Juli erwartet.Friederike Grabitz
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