Olympische Spiele in der Pandemie: Freiwilliges Risiko

Die Organisatoren der Olympischen Spiele in Tokio ignorieren beim Pandemieschutz ausgerechnet eine große Gruppe: 78.000 Freiwillige.

Gesprächspodium mit zwei Bildschirmen im Hintergrund

An der Spitze stimmen die Abstände: Olympiachefin Selko Hashimoto (Mitte) mit IOC-Chef Thomas Bach Foto: Kyodo News/imago

TOKIO taz | „Sichere“ und „geschützte“ Spiele haben Japans Olympiamacher den über 10.000 anreisenden Athleten versprochen. Die strikten Verhaltensregeln gegen die Ausbreitung des Coronavirus fasste das Organisationskomitee in sechs „Playbooks“ für Sportler, Betreuer, Funktionäre, Medienmitarbeiter und Werbepartner zusammen. Doch die größte Teilnehmergruppe wurde bisher konsequent übersehen – die 78.000 Freiwilligen, die beim Verleihen der Medaillen, Einweisen von Besuchern, Betreuen von Delega­tionen oder Transport von Menschen und Material helfen sollen.

Für ihren Schutz wollen die Organisatoren nichts unternehmen, wenn man davon absieht, dass die 8.000 Freiwilligen aus dem Ausland nicht nach Japan kommen dürfen. „Wir erhalten zwei Masken in olympischem Blau, sollen einen Meter Abstand halten, uns 30 Sekunden lang die Hände waschen und ein Tagebuch über unseren Gesundheitszustand führen – das ist alles“, berichtet die deutsche Freiwillige Barbara Holthus, zugleich Mitherausgeberin eines Olympia-Sammelbandes und Vizedirektorin des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio.

Weder eine vorbeugende Impfung der ehrenamtlichen Helfer außerhalb der offiziell festgelegten Reihenfolge noch regelmäßige Tests sind vorgesehen. „Ich würde mich sicherer fühlen, wenn diejenigen, die sich impfen lassen wollen, auch geimpft würden“, meinte Hiroko Satake bei einem Onlinetraining für die Leiter der Freiwilligenteams.

Die oberste Verantwortliche für die Helfer im Organisationskomitee, Natsuki Den, weist die Kritik zurück: „Mehr als diesen Grundlagenschutz können wir nicht tun.“ Dieses Vorgehen halten einige Beobachter für fahrlässig, da die Freiwilligen als einzige Gruppe und dazu in großer Zahl zwischen den „Schutzblasen“ um die Sportler im Olympischen Dorf und in den Wettkampfarenen sowie der japanischen Außenwelt hin und her pendeln. „Dadurch besteht die Gefahr, dass sich das Virus schnell ausbreitet“, meint Holthus.

Taschentuch als Coronaschutz

Das Szenario erscheint umso realistischer, als die Ehrenamtlichen aufgrund ihrer Aufgaben Nahkontakte nicht immer vermeiden können. Zum Beispiel, wenn ein Besucher oder Teilnehmer in der extremen Sommerhitze umkippt und womöglich wiederbelebt werden muss. „Beim Erste-Hilfe-Kurs hat man uns gesagt, wir sollen entweder das Beatmen ganz sein lassen oder ein Taschentuch zwischen die Nase des Betroffenen und den eigenen Mund legen, um das Infektionsrisiko zu verringern“, berichtet die deutsche Freiwillige.

Womöglich kommen solche Einsätze häufiger vor als üblich. Denn es ist keineswegs sicher, dass es genug medizinische Helfer geben wird. Die Organisatoren suchen noch 200 Sportärzte und forderten 500 Krankenpfleger beim zuständigen Verband an. Die Anfrage löste auf Japans wichtigstem sozialen Netzwerk Twitter einen Sturm der Entrüstung aus, da in mehreren Metropolen erneut der Coronanotstand ausgerufen wurde. Die Gewerkschaft der Medizinarbeiter in der Region Aichi lehnte jede Hilfe für Olympia ab: „Wir sollten uns auf Covid-19 konzentrieren, nicht die Sommerspiele“, lautete ihr Tweet.

Premierminister Yoshihide Suga sagt: „Es gibt genug pensionierte Krankenpfleger, die Zeit haben.“ Am Hauptauftrag der ehrenamtlichen Helfer hat sich nichts geändert: „Wir sollen weiter mit einem Lächeln für eine ­positive Atmosphäre der Gastfreundlichkeit sorgen“, erzählt Holthus. „Dass unsere Masken das Lächeln unsichtbar machen, wird gar nicht thematisiert.“

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