Olympia-Flott in Hamburg

Die Sause ist ausgefallen

Siegesgewiss waren die Olympia-Fans auf die große Party eingestellt. Doch dann kam das böse Erwachen. Protokoll eines gescheiterten Abends.

Knapp daneben ist auch vorbei: Bürgermeister Olaf Scholz, Katharina Fegebank (Grüne) und DOSB-Präsident Alfons Hörmann verkünden am Sonntag das Olympia-Aus. Foto: Daniel Reinhard/dpa

Samstag, 23.15 Uhr, Hamburg: Vor dem Zubettgehen versucht Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) die HamburgerInnen noch einmal auf Trab zu bringen. Er setzt einen Tweet für den nächsten Tag ab: „Sagen Sie heute JA zu Olympischen & Paralympischen Spielen in #Hamburg2024.“

Sonntag, 8 Uhr Hamburg/Kiel: Die Wahllokale öffnen. Bis 18 Uhr können die Bürger entscheiden, ob sich Deutschland für Olympische Spiele 2024 bewerben soll. Beim Referendum in Hamburg sind rund 1,3 Millionen Menschen abstimmungsberechtigt. Beim Bürgerentscheid in Kiel, wo die Segel-Wettbewerbe stattfinden sollen, können fast 200.000 Menschen mitmachen. Umfragen sehen eine Mehrheit für Olympia. Kritiker warnen vor den sozialen Auswirkungen und überbordenden Kosten.

13 Uhr, Hamburg: Knapp 600.000 Menschen haben abgestimmt – die meisten per Briefwahl. 26.000 suchten die Wahllokale auf. Eine rege Beteiligung zeichnet sich ab.

18 Uhr, Hamburg, Barclaycard Arena: Currywürste und eine sämige Suppe stehen bereit. Olympia-begeisterte Ehrengäste wie die Brüder Braun vom Miniaturwunderland, ECE-Manager Alexander Otto und die zweifache Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfarth warten neben Politikern und Wirtschaftsvertretern auf die Ergebnisse einer Umfrage der „Forschungsgruppe Wahlen“ für das ZDF. Demnach haben die Befürworter mit 56 Prozent die Nase vorn.

19.47 Uhr, Kiel: Oberbürgermeister Kämpfer schwärmt von einem sensationellen Ergebnis: „Kiel ist die erste Stadt der Welt, die eine verbindliche positive Olympiaabstimmung hinbekommen hat.“ Denn 65,6 Prozent der KielerInnen sprachen sich für die Spiele aus. Allerdings lag die Wahlbeteiligung nur bei 32 Prozent.

20 Uhr, Barclaycard Arena: Mehr als die Hälfte der Stimmen sind ausgezählt, doch jetzt liegen die Olympia-Befürworter in Hamburg plötzlich hinten. Die Stimmung kippt.

20.45 Uhr, Hamburg: Die Olympia-Befürworter haben das Referendum voraussichtlich verloren. Nach Auszählung von 600.000 der rund 650.000 abgegebenen Stimmen liegen die Gegner mit 51,7 zu 48,3 Prozent vorn.

21.03 Uhr, Hamburg, Rathaus:

Bürgermeister Scholz, die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) und der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) treten in der Rathausdiele vor die Presse. Scholz muss warten, bis die Skulptur über dem Rathauseingang das Stündlein geschlagen hat: Gevatter Tod auf der einen, die Mutter mit Kind auf der anderen Seite der Glocke. Eine Allegorie der Vergänglichkeit, die gut zu dem passt, was Scholz verkünden muss: Die hochfliegenden Pläne des Hamburger Establishments sind gescheitert.

21.11 Uhr, Kiel: OB Kämpfer erkennt, vergeblich gekämpft zu haben: „Das ist unglaublich schade und ein schwarzer Tag für den deutschen Sport.“ Jetzt wolle er den Schicksalsschlag erstmal verdauen und dann schauen, welche Ideen auch ohne Olympia umsetzbar seien.

21.37 Uhr, Barclaycard-Arena: „Es wird sehr, sehr schwierig, eine Idee zu entwickeln, weil offensichtlich der olympische Gedanke und Deutschland im Moment nicht zusammenpassen“, sagt DOSB-Präsident Hörmann.

21.55 Uhr, Hamburg, Rathaus:

Die Zweite Bürgermeisterin Fegebank zeigt sich enttäuscht: „Wir wollten Spiele der vielen und nicht von und für eine Minderheit.“

21.59 Uhr, Hamburg, Rathaus: „Die Menschen sehen, dass es Sachen gibt, wo das Geld besser angelegt ist“, sagt Florian Kasiske von der Initiative Nolympia. Die Olympia-Gegner planen eine Spontan-Party.

22.03 Uhr, Barclaycard-Arena: Den Befürwortern der Hamburger Bewerbung und ihren 300 Gästen ist die Petersilie verhagelt. Die geplante Jubel-Party fällt aus. Mit Tränen in den Augen kommentiert Paralympics-Siegerin Kirsten Bruhn: „Es enttäuscht mich, dass die Menschen nicht sehen, dass es um den Sport geht.“

22.03 Uhr, Hamburg, Rathaus:

„Gewonnen“, hallt es durch die Rathausdiele. Die Bürgerschaftsfraktion der Linken verfolgt mit einigen Aktivisten von Stop Olympia und Nolympia die Auszählung. „Super, super“, jubelt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, Heike Sudmann. „Die Hamburger haben sich informiert und die harten Fakten angeguckt. Mit so einem IOC wollen sie keine Spiele.“

Gegen 22 Uhr, Hamburg: Der Lokalfernsehsender Hamburg 1 verliest Philipp Lahms Tweet vom Vortag: „Großereignisse sind für alle Beteiligten ein einzigartiges Erlebnis: Ja zu #Olympia2024.“ Statt der bis Mitternacht vorgesehenen Livesendung von der Arena-Party, wiederholt Hamburg 1 die Sendung von 18 Uhr. Freudig werden die Schätzungen der „Forschungsgruppe Wahlen“ präsentiert, wo Prolympia noch mit 56 Prozent vorne liegt. Das Aushängeschild des Senders, Herbert Schalthoff, hat sein Live-Studio im Rathaus verlassen und ist in die Kneipe gezogen.

Am Morgen danach, Hamburg: Esherrscht Katerstimmung. Innensenator Michael Neumann (SPD) spricht im Konjunktiv: „Olympia wäre eine Riesenchance gewesen“, sagt der SPD-Politiker auf NDR Info.

Montag, 14.30 Uhr, Hamburg, Rathaus: Die Initiative Stop Olympia geht auf Nummer sicher und übergibt im Rathaus mehr als 13.000 Unterschriften. „Auf den ersten Blick erscheint sich unser Anliegen erledigt zu haben“, räumt Vertrauensmann Jens Gauger ein. Aber Kontrolle sei besser als Vertrauen: Sollte jemand in den nächsten Jahren über eine neue Bewerbung für 2028 nachdenken, könne die Initiative „mit überarbeitetem Text gleich in der zweiten Stufe des Volksbegehrens fortfahren“. Und der zweite Vertrauensmann Horst Domnick versichert: „Wir stehen bereit, wenn das Thema wieder aufkommt.“

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