Oldenburger Museum erforscht Stifterin: Edith Ruß war „überzeugte Nationalsozialistin“
Das „Haus für Medienkunst“ vollzieht den Bruch mit seiner früheren Namenspatronin mit einer Ausstellung. Die Stadt kehrt ihre Fehler unter den Teppich.
Im Februar 2025 hat die Stadt Oldenburg den Namen der Stifterin Edith Ruß von dem Haus für Medienkunst gestrichen. Der abmontierte Schriftzug liegt nun im Hinterhof der städtischen Galerie. Ausgangspunkt für die Umbenennung war ein Artikel der taz, der auf Ruß' NS-Vergangenheit aufmerksam machte. Sie hatte unter anderem als Feuilleton-Chefin des offiziellen NSDAP-Blatts Oldenburgische Staatszeitung bis 1945 Propaganda zu „Lebensraum“ und „Endsieg“ verbreitet. Mit einem „historisch-künstlerischen Experiment“ beleuchtet das Haus nun die Biografie seiner ehemaligen Namensgeberin.
„Wir sehen diese Ausstellung auch als Teil einer Aufarbeitung von Lokalgeschichte und des Nationalsozialismus an sich. Das finden wir sehr wichtig, gerade in Zeiten, wo Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus überall in der Welt auf dem Vormarsch sind“, erklärt Marcel Schwierin, der zusammen mit Edit Molnár seit 2015 das Haus für Medienkunst leitet.
Der historische Teil der Ausstellung zeichnet das Leben von Edith Ruß nach. An einem Bildschirm können die Besucher:innen ihre knapp 200 verfassten Artikel im Original lesen und auch ihr Ausweis als Schriftleiterin, Nazi-Sprech für regimetreue Zeitungsredakteure, ist ausgestellt. Mit der Einstufung in Kategorie A galt sie als besonders ideologiefest.
Ihr Chef bei der Staatszeitung war der glühende Antisemit Herbert Heitz. Ihm stellt sie 1948 für sein Entnazifizierungsverfahren einen Persilschein aus und lässt sich von ihm im Gegenzug bescheinigen, nicht in der NSDAP gewesen zu sein. Eine offensichtliche Lüge, die bis zu den taz-Veröffentlichungen niemand hinterfragte und in der zur Eröffnung des Hauses im Isenseee-Verlag erschienenen Biografie übernommen wurde. Jetzt ist eine neue Biografie in Arbeit.
Publizistische Kontinuitäten ausgespart
Isensee war auch das Unternehmen, das schon ab 1929 die Staatszeitung und ihren Vorgänger druckte. Ein Hinweis auf diese Verbindung fehlt in der Ausstellung. Es scheint weiter Hemmungen zu geben, die Akteure von Oldenburgs brauner Vergangenheit konkret zu benennen.
Neben verschiedenen Schenkungen an das Landesmuseum Oldenburg hat Ruß zu Lebzeiten auch die Statue „Die Lebensalter“ zu Ehren ihres Geliebten Manfred Hausmann in Bremen initiiert und mitfinanziert. Die Benennung des Manfred-Hausmann-Wegs in Worpswede geht wohl ebenfalls auf ihr Konto.
Woher Ruß' enormes Vermögen stammt, ist weiter nicht geklärt. Möglich ist ein Erbe ihres Onkels. Sicher ist, dass sie massiv Steuern hinterzogen hat, weshalb bei der Testamentsvollstreckung zunächst eine Nachzahlung an den Fiskus anstand.
Oft war Ruß' junges Alter im Nationalsozialismus als entlastend angeführt worden. Neben ihrer Biografie werden in der Ausstellung deshalb die Leben der jeweils gleichaltrigen Widerstandskämpferin der „Weißen Rose“ Traute Lafrenz und der in Wardenburg geborenen und 1942 ermordeten Jüdin Erna Gellert skizziert. Sie sollen zeigen, dass Widerstand zum einen sehr wohl möglich war und zum anderen die Verfolgten des Regimes, anders als Ruß, nicht das Privileg einer Wahl hatten.
Arbeiten zu Nationalsozialismus und Erinnerung von Dani Gal, Roee Rosen, Fynn Ribbeck und anderen stellen den künstlerischen Teil der Ausstellung dar.
Begleitet wird sie von einem offenen Diskussionsraum und mehreren Vorträgen. In diesem Zuge stellte der Historiker Joachim Tautz nochmals das von der Stadt in Auftrag gegebene Gutachten vor. Nachdem die taz auf mehrere Fehler hinwies, wurde es inzwischen zumindest teilweise überarbeitet.
Tautz kommt im Gegensatz zu seiner Mitautorin Mareike Witkowski zu dem eindeutigen Schluss, dass Ruß eine „überzeugte Nationalsozialistin“ war. Er kritisiert auch das Argument von CDU und FDP im Stadtrat, die gegen die Umbenennung stimmten, Ruß' spätere Arbeit als Sonderschullehrerin hätte eine Abkehr vom Nationalsozialismus belegt.
Das Haus hat endgültig mit Ruß gebrochen. Kulturdezernent Holger Denckman lobte sich bei der Eröffnungsrede der Ausstellung darüber hinaus für den nachträglich guten Umgang mit dem „Fehler“, die Biografie der Stifterin nicht ausreichend recherchiert zu haben. Dabei verschwieg er, dass nicht nur Ruß' Arbeit als NS-Propagandistin schon zur Eröffnung des Hauses bekannt war, auch ihr Schriftleiterausweis samt NSDAP-Mitgliedsnummer befand sich im Besitz der Stadt.
Die Ausstellung bezeichnete er als „Abschluss“ des Prozesses. Diese Haltung lässt an einer grundlegenden Neuausrichtung der Oldenburger Erinnerungskultur zweifeln.
Transparenzhinweis: Der Autor hat im Rahmen der Ausstellung einen Vortrag gehalten.
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