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Ohrwurm und KriegTrili Frili

Ein Igel mit Akkordeon und Jugo-Akzent geht viral. Der Balkan feiert: endlich mal nicht Weltkriegsgrund. Alle anderen feiern ihn als Sommerhit 2026.

Trili Frili ist der Ohrwurmhit des Frühjahrs Foto: Screenshot: taz (Instagramaccount von Andrei Tripsa)

Ein ramponierter Zeichentrick-Igel in Badelatschen, mit dunkler Kräuselbehaarung an Unterarmen und Brust, an dessen spindeldürren Beinen eine ausgeleierte Jogginghose hängt, dem etliche Zähne fehlen und der ein Pflaster auf einem seiner Stacheln trägt, ist zurzeit ein Hit im internationalen Internet.

Der Igel spielt Akkordeon und singt dazu mit heiserer Stimme einen Song, bei dem er keinen einzigen Ton trifft. Er singt in einem hart südosteuropäisch klingenden Akzent vier Zeilen eines Liedes, von dem man im Wesentlichen ein Wort versteht: „trili frili“. Nach ein paar Wiederholungen lässt sich dann noch das erste Wort „darlink“ heraushören und ein paar Wörter später vielleicht „tomorrow“.

Trili frili ist zurzeit ein Welthit. Ein Igelohrwurm, über den User rund um die Welt rätseln, was der da singt. Die Kommentare gehen in etwa so: „Was singt er? „Das ist russisch!“ „Ich bin Russe, das ist nicht russisch. Ich verstehe kein Wort.“ „Er ist Bosnier.“ „Er ist Serbe.“ „Er ist Zigeuner.“ „Er ist serbischer Zigeuner.“

Doch egal, ob in Brasilien oder auf dem Balkan, alle lieben Trili Frili. Ohne die wahre Geschichte dahinter zu kennen. Den Igel hat zwar der rumänische Memekünstler Andrei Tripsa vor einigen Wochen entworfen. Sein Vorbild aber ist echt: Stevan Lakatoš, ein Akkordeonspieler aus der Nähe der serbischen Stadt Novi Sad. Mit seinen wenigen Zähnen und schiefen Tönen hat er auf dem Balkan seit einigen Jahren Kultstatus und trat unter anderem in der kroatischen Fernsehsendung „Supertalent“ auf.

Sein Markenzeichen ist, dass er bekannte englische Popsongs in seine Sprache übersetzt oder sie eben so singt, wie er sie versteht, also quasi neuinterpretiert. So beispielweise Brick in the Wall von Pink Flyod. Oder eben Trili Frili.

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Das Originalvideo, in dem man dem echten Stevan Lakatoš dabei zuhören kann, wie er mit seinem Akkordeon auf einem Boot sitzend Trili Frili singt, war in Südosteuropa schon ein Hit. Aber der animierte Igel toppt nun alles.

Wer von alleine errät, um welches Lied es sich bei Trili Frili im Oriignal handelt, sollte nicht weiterlesen, sondern noch ein paar Mal dem Igel lauschen.

Alle anderen folgen einfach diesem Youtube-Link.

Für alle, die es gleich wissen wollen: Bei Trili Frili handelt es sich um den Song „Darlin“ von Frankie Miller, dessen zweite Zeile lautet: I’m feeling very lonesome“, was Lakatoš als trili frili übersetzte.

Seit einer Woche geht der Trili-Frili-Igel nun noch viraler als in den Wochen zuvor. Denn das Meme hat wie so oft sein Eigenleben entfaltet, und so sieht man den Igel trili frili singend vor allen möglichen Hintergründen und für alle möglichen Zwecke eingesetzt. Wegen seiner Ohrwurmqualität feiern ihn viele schon jetzt als Sommerhit 2026.

Seit dem amerikanisch-israelischen Angriff auf den Iran vergangenen Samstag sieht man den Igel aber nun auch immer öfter mit dem Kommentar: Balkanbewohner wie sie sich freuen, dass sie endlich mal nicht am Ausbruch eines Weltkriegs beteiligt sind.

Benzin- und Gaspreise mögen steigen, die Versorgungslage mit Eskapismus und Galgenhumor ist in Zeiten des Krieges dank sozialer Medien sehr stabil.

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