Obskure rechtsextreme Organisation: Neonazi-Nordadler verboten

Seehofer zerschlägt noch eine rechte Truppe. Nordadler war in der rechtsextremen Szene eher randständig und besaß einen bizarren Anführer.

Horst Seehofer lässt rechtsextremen Verein Nordadler verbieten

„Rechtsextremismus hat auch im Internet keinen Platz.“ Seehofer verbietet Neonazi-Truppe Nordadler Foto: Fabrizio Bensch, dpa

BERLIN taz | Nach Combat 18 und der Reichsbürgertruppe „Geeinte deutsche Völker und Stämme“ lässt Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) die nächste rechtsextreme Gruppe verbieten: Nordadler. Am Dienstagmorgen durchsuchte die Polizei Objekte in Göttingen und Hannover Niedersachsen, in Vlotho, Sprockhövel und Wuppertal in Nordrhein-Westfalen, in Brandenburg/Havel und Doberlug-Kirchhain in Brandenburg sowie in Dresden und Pirna in Sachsen und übergab die Verbotsverfügung.

Die Gruppe ist eher randständig in der rechtsextremen Szene und fand sich Ende 2016 zusammen. Nordadler kommunizierte vor allem über Chatgruppen bei Telegram oder Discord, auch über Facebook oder Instagram. Firmiert wurde auch unter den Namen „Völkische Revolution“, „Völkische Jugend“, „Völkische Gemeinschaft“ oder „Völkische Renaissance“. Der Gruppe werden rund 30 Mitglieder zugerechnet, als Führungsfiguren gelten sieben Rechtsextreme.

Diese fabulierten von einem Untergang des deutschen fabuliert, hetzten gegen Linke und Juden. Offen wurde dem Nationalsozialismus gehuldigt, die SS als Vorbild benannt. Intern soll die Gruppe Listen über politische Gegner angelegt haben – die man im Falle eines Staatszusammenbruchs zur Rechenschaft ziehen wollte.

Auf einer aktuellen Webseite hieß es, man strebe eine „völkische Bewegung“ an. Ziel sei „die Rettung Deutschlands“ und „Überwindung der feindlichen Götzenbilder“. Und: „Die völkische Renaissance wird nicht von ihrer Weltanschauung abrücken oder Kompromisse schließen.“

Seehofer erklärte zu dem Verbot: „Vereine und Gruppierungen, die Hass und Hetze verbreiten und die Wiederrichtung eines nationalsozialistischen Staates herbeisehnen, werde ich verbieten. Rechtsextremismus und Antisemitismus haben bei uns keinen Platz, weder in der realen noch in der virtuellen Welt.“ Die Gruppe richte sich gegen die Verfassung und den Gedanken der Völkerverständigung und ziele auf Straftaten.

Nach taz-Informationen gab es neben den Chats aber auch reale Treffen. Und auch eine Immobilie im Thüringer Hohenstein, im Ortsteil Mackenrode. Dort wollte die Gruppe nach eigenen Angaben ein „autarkes Oppositionsprojekt“ aufbauen, eine „echte auf völkischem Bewusstsein basierende Gemeinschaft germanischen Glaubens, Artamanen und Nationalsozialisten“. Laut Thüringer Innenministerium nutzten 2019 noch „mehrere“ Personen das Haus, die aus Norddeutschland in die Region gezogen seien. Am Dienstag fanden in Thüringen jedoch keine Durchsuchungen statt. Die dortige Linken-Innenexpertin Katharina König-Preuss nannte das unverständlich. In Sicherheitskreisen hieß es dazu, das Grundstück sei inzwischen ungenutzt und verfallen.

Eigenwilliger Anführer mit Waffenaffinität

Sonderbarerweise fanden am Dienstag in Thüringen aber keine Durchsuchungen statt. Die dortige Linken-Innenexpertin Katharina König-Preuss nannte das unverständlich.

Anführer ist nach taz-Informationen der 24-jährige Wladislav S. Sein politisches Agieren ist eigenartig. Einerseits bekannte sich S. offen als Nationalsozialist. Andererseits wurde S. 2017 verurteilt, weil er im niedersächsischen Northeim einen IS-Sympathisanten und Ex-Neonazi bei einer Probesprengung begleitet und die Explosion gefilmt hatte. Der übergelaufene Islamist wurde später zu gut drei Jahren Haft verurteilt, weil er einen Sprengstoffanschlag auf Polizisten und Soldaten geplant haben soll.

Das Bundesinnenministerium wirft Wladislav S. vor, im Internet gezielt jüngere Nutzer angeworben zu haben, um sie „zu indoktrinieren und damit Verfassungsfeinde zu schaffen“. Auch soll er in einer öffentlichen Telegram-Gruppe den Anschlag auf die Synagoge in Halle befürwortet haben.

Bereits im April 2018 hatte die Bundesanwaltschaft die Unterkunft von vier Nordadler-Mitglieder und einer weitere Person durchsuchen lassen – wegen des Verdachts des Rechtsterrorismus. Die Gruppe sollte damals intern Anschläge auf politische Gegner in Erwägung gezogen und nach Waffen und Sprengstoffmaterial gesucht haben. Gefunden wurden damals Schlag- und Stichwaffen sowie eine größere Zahl von Feuerwerkskörpern und Militaria. Festgenommen wurde niemand.

Im November 2018 gab es weitere Durchsuchungen, nachdem ein Gruppenmitglied mit echt aussehenden Schusswaffen im Internet posiert hatte, die sich allerdings als Soft-Air-Waffen herausstellten.

Auch bei den Razzien am Dienstag fanden die Ermittler vorerst keine Waffen, dafür NS-Literatur, Reichskriegsflaggen, Stahlhelme und einen Baseballschläger. Festnahmen gab es keine. Die Betroffenen hätten sich überwiegend kooperativ gezeigt, hieß es in Sicherheitskreisen.

Nach den rechtsextremen Terrortaten gegen Walter Lübcke und dem Anschlag in Halle hatte Seehofer mehr Härte gegen die rechtsextreme Szene angekündigt und sechs Verbote von Neonazi-Gruppen geprüft. Im Januar erfolgte darauf das Verbot von Combat 18, im März das Verbot der Reichsbürger-Gruppe. Mit Nordadler folgt nun also Nummer drei.

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