Obdachlosenhilfe in Hannover: Bürokratische Hürden

Die Stadt wollte einen Obdachlosen aus ihrer Unterkunft werfen, weil er zu kurz in Hannover gelebt hat. Nach einer taz-Anfrage darf er doch bleiben.

Blick in ein Zimmer in einem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Döhren, in dem Obdachlose untergebracht werden.

Housing First in Hannover: Ein Zimmer des Projektes „Plan B – OK“ im Stadtteil Döhren Foto: dpa / Julian Stratenschulte

HANNOVER taz | In Döhren-Wülfel liegt in einem Gründerzeit-Altbau das Vorzeigeprojekt der Stadt Hannover: Es heißt „Plan B – OK“ und soll die Zukunft für den Umgang mit Obdachlosigkeit in der Stadt weisen. „OK“ steht dabei für Orientierung und Klärung. Vor etwas mehr als einem Monat wurde das neue Angebot eingeweiht. Aus der im Herbst beendeten Coronanotunterbringung obdachloser Menschen in Einzelzimmern habe man erfolgreiche Schlüsse gezogen und das neue Projekt dementsprechend aufgestellt, hieß es. Von einem „nordischen Modell“ sprach Sozialdezernentin Sylvia Bruns (FDP), von intensiver sozial­arbeiterischer Betreuung Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne). Doch das Projekt hat Startschwierigkeiten.

Andy K., der seinen vollen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, lebt seit fast einem Monat in der Cäcilienstraße. Obwohl er einen Arbeitsvertrag in Aussicht hatte, drohte ihm der Rausschmiss aus dem Projekt – erst auf Nachfrage der taz verlängerte die Stadt seinen Aufenthalt, obwohl Betten unbelegt sind.

Auf ihrer Website erklärt die Stadt, dass Menschen, die sonst auf der Straße lebten, „bis zu drei Monate“ in der neuen Unterkunft leben dürften. 21 Plätze gibt es dort, nach einer größeren Immobilie mit bis zu 70 Plätzen werde gesucht. Menschen mit einem ungeklärten Leistungs- oder Aufenthaltsstatus dürfen nur 30 Tage bleiben.

Genau das trifft auf K. zu. Weil er noch keine drei Monate in Hannover lebt, hat er formal gesehen keinen Anspruch darauf, länger in dem Haus zu leben. Sein Fall zeigt jedoch, dass ein Monat trotz Betreuung durch einen Sozialarbeiter eine von der Stadt zu kurz angelegte Zeitspanne ist, um eine Wohnung zu finden – insbesondere während der Pandemie.

Andy K. verlor in der Coronapandemie seinen Job als Sicherheitsfachmann. Als dann auch noch seine Beziehung in die Brüche ging, landete er auf der Straße

Denn Menschen ohne Wohnung stecken oft in einem Dilemma: ohne Arbeit keine Wohnung, ohne feste Adresse keine Arbeit. So ergeht es auch K. Er ist gelernter Sicherheitsfachmann. Mit Beginn der Coronaviruspandemie seien die Aufträge in seinem alten Heimatort weggebrochen. K. wechselte mit Aussicht auf eine Anstellung an den Standort Hannover. Das habe allerdings nicht geklappt. Auch seine Beziehung sei zu Bruch gegangen und er dadurch wohnungslos geworden. Aus der Obdachlosigkeit heraus eine Wohnung zu ergattern, sei beinahe unmöglich, erzählt er. Deswegen sei er erst mal in der Notschlafstelle Wörthstraße untergekommen.

Die Zustände in der Einrichtung empfand er als katastrophal: „Eine kleine Hölle auf Erden.“ Alkohol, Drogen und Kriminalität seien an der Tagesordnung. Den Sicherheitsdienst dort halte er – aus dem gleichen Gewerbe kommend – für inkompetent. Seine Schilderungen decken sich mit denen vieler anderer Menschen, die in der Notschlafstelle Obdach suchen und die teilweise von übergriffigem Verhalten berichten. Dorthin zurückzumüssen, will K. um jeden Preis vermeiden.

Warum er aus dem Projekt „Plan B – OK“ ausziehen sollte, versteht er nicht. Das halbe Haus stehe ja leer und er nehme niemandem einen Platz weg. Momentan seien nur neun Bewohner*in­nen vor Ort – bis zu 21 Plätze gibt es. Die Kosten für die Unterkunft übernimmt das Jobcenter für K.

Straßensozialarbeiter Alexander Eisele, der K., seitdem dieser in Hannover auf der Straße gelandet ist, begleitet, sagt zu den Entwicklungen: „Durch das Verhalten der Stadt drohten sich die besonderen Lebensverhältnisse und sozialen Schwierigkeiten von Herrn K. zu verfestigen.“ Eine rein bürokratische Hürde stünde in diesem Fall im Weg: Anspruchsberechtigt sei, wer drei Monate in Hannover lebe, erklärt Eisele. In der besonderen kalten Phase im Winter war K. in das Projekt eingezogen – einen Monat zu früh. Hätte er noch 30 Tage auf der Straße gelebt, wäre er anspruchsberechtigt gewesen und hätte von vornherein die vollen 90 Tage bleiben dürfen. Dabei handele es sich allerdings nur um eine Rechtsauslegung der Stadt, meint Eisele. Diese hätte einen Spielraum.

Auf Nachfrage der taz zu K.s Fall verweist die Pressestelle der Landeshauptstadt Hannover auf datenschutzrechtliche Bedenken und will sich nicht zu dem Einzelfall äußern. Lediglich allgemein heißt es, für den Personenkreis der „ordnungsrechtlich Nichtanspruchsberechtigten“ sei eine Zieldauer von 30 Tagen für das Vorhaben „Plan-B – OK“ vereinbart. Diese stünde in keinem Zusammenhang zu etwaigen Perspektiven oder gar Leerständen innerhalb der Unterkunft. Die Plätze würden entsprechend der Nachfrage vergeben.

Am Mittwochvormittag folgte offenbar eine interne Kehrtwende der Stadt. Andy K. erzählt, er dürfe nun weitere 14 Tage mit Option auf Verlängerung bleiben. Man habe ihm sinngemäß gesagt, man wolle ihm ja die Zukunft nicht verbauen.

Für Dirk Machentanz, Ratsherr der Linken, ist der Fall von Andy K. symptomatisch für die Probleme von obdachlosen Menschen in Hannover. Zwar sehe er die Bemühungen um Housing-First-Projekte, wie das „Plan B – OK“ positiv – hatte seine Partei diese doch mitinitiiert, es fehle allerdings eine langfristige Perspektive. Die Stadt brauche eine neue Wohnungspolitik. „Wir fordern, dass die städtische Baugesellschaft ‚Hanova Wohnen‘ obdach- und wohnungslosen Menschen, bei einem Zehntel aller Wohnungen Vorrang gewährt“, sagt Machentanz. Damit wäre eine dezentrale Unterbringung möglich – fernab der häufig kritisierten Notschlafstellen. Es gebe allerdings einen weiteren wichtigen Baustein, um das Problem Obdachlosigkeit anzugehen, so Machentanz: „Zwangsräumungen müssen sofort gestoppt werden.“

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