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Nutzungskonflikte im Stadtstaat„Hamburg ist durchaus in der Lage, Wald zu erhalten“

Hamburgs wilde Wälder schrumpfen, obwohl sie wachsen sollen. Jan Muntendorf von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald über grüne Reste in der Stadt.

Wo ein politischer Wille, da ein Wald: Der Vollhöfner Wald ist heute ein Naturschutzgebiet. Hamburg kann also Wald zu erhalten Foto: Lukas Schulze/dpa
Friederike Gräff

Interview von

Friederike Gräff

taz: Warum schwinden die wilden Wälder in Hamburg, Herr Muntendorf?

Jan Muntendorf: Es gibt nur einen Grund dafür: Bebauung. Hamburg baut, insbesondere Wohnungen. Und da Hamburg eine begrenzte Fläche hat, nimmt man sich Flächen, von denen man glaubt, dass sie nicht so wertvoll sind. Und das sind dann immer wieder die kleinen wilden Wälder, von denen wir in Hamburg noch ein paar Reste haben.

taz: Sind die nicht geschützt?

Muntendorf: Die fallen alle unter das Landeswaldgesetz. Wenn man roden möchte, muss man einen Ausgleich machen. Der passiert in der Regel aber nicht in Hamburg, weil Hamburg gar keine Flächen dafür hat.

Bild: Privat
Im Interview: Jan Muntendorf

53, leitet den Bereich Naturschutz im Landesverband Hamburg der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald e.V.

taz: Ist das aus ökologischer Sicht nicht absurd?

Muntendorf: Ja klar. Wenn ein Wald 60 Jahre alt ist und ich dann irgendwo außerhalb Hamburgs eine Ersatzpflanzung mache, dann ist diese Ersatzpflanzung ein Jahr alt und hat nicht die Funktion eines 60-jährigen Waldes. Für Hamburg bedeuten diese kleinen Waldstrukturen gerade in Zeiten des Klimawandels, wenn wir Hitzesommer bekommen, kleine Hotspots der Kühlung, denn dort kann Wasser versickern. Und die Wälder sind wichtig für die Artenvielfalt, weil es Räume sind, wo Vögel und Insekten noch eine Möglichkeit haben, in der Stadt zu leben.

taz: Dass im Verhältnis doppelt so viel Ersatz gepflanzt werden muss, hilft da auch nicht?

Muntendorf: Natürlich ist es für Schleswig-Holstein und für Niedersachsen schön, wenn sie neuen Wald bekommen. Aber es hat für Hamburg keine Funktion.

taz: Im alten rot-grünen Koalitionsvertrag stand ja mal, dass die Waldfläche in Hamburg sogar vergrößert werden sollte.

Muntendorf: Da sollte jeder Bezirk versuchen, einen Hektar Wald aufzuforsten. Mir ist aber nicht bekannt, dass das irgendwo passiert wäre.

taz: Woran ist es gescheitert?

Muntendorf: Hamburg hat nicht die Fläche dafür, beziehungsweise will sie dafür vielleicht auch nicht hergeben. Ich weiß aber auch von Gebieten im Bezirk Wandsbek, die dafür vorgesehen waren, aber Privatleuten gehörten, die sagten: Ich möchte keinen Wald.

taz: Die kann man natürlich schlecht enteignen.

Muntendorf: Hamburg hat ja Flächen. Hamburg könnte durchaus.

taz: An welchen Stellen könnte Hamburg?

Muntendorf: Hamburg besitzt ein paar tausend Hektar landwirtschaftliche Flächen, bei denen man überlegen könnte, wann die Pachtverträge auslaufen. Die Stadt könnte sagen: Wir verlängern sie nicht weiter und nehmen diese Flächen jetzt für Wald. Natürlich kommt dann der Bauernverband und sagt: Wir brauchen aber auch hier in Hamburg Landwirtschaft.

taz: Und dann?

Muntendorf: Das sind Nutzungskonflikte, die wir als kleiner Stadtstaat haben. Das ist anders als in Mecklenburg-Vorpommern oder in Schleswig-Holstein, wo man eben mal 70 Kilometer weiter gehen kann.

Wilde Wälder in Hamburg

Wilde Wälder sind Wälder ohne Bewirtschaftung, die sich weitestgehend ungestört von Menschen entwickeln können.

In den letzten Jahren ist die Fläche von Wilden Wäldern in Hamburg gesunken. Unter anderem werden für den Autobahnausbau der A1 7 Hektar und für den Bau eines städtischen Betriebshofs auf dem Gelände des ehemaligen Klärwerks Stellingen Moor 1,3 Hektar Wilder Wald gerodet.

Positivbeispiel ist der Vollhöfner Wald in Altenwerder, wo für den Ausbau der Logistikfläche des Hamburger Hafens 45 Hektar Wald gerodet werden sollten. Nach zehnjährigem Protest beschloss der Hamburger Senat 2025 das Areal als Naturschutzgebiet auszuweisen.

Derzeit kämpft eine Bürgerinitiative in Wilhelmsburg für den Erhalt von 8 Hektar wildem Wald, der für Wohnungsbau gerodet werden soll.

taz: Und da geht es noch gar nicht um das Dauerthema Wohnungsbau. Dennoch würden Sie sagen, dass mehr Schutz für die wilden Wälder möglich ist?

Muntendorf: Sagen wir mal so: Da muss mehr möglich sein. Die Prioritäten müssten dann anders gesetzt werden. Als Naturschutzverband ist es natürlich erst mal unsere Aufgabe, die Natur zu verteidigen. Ich bin aber auch Realist und sage nicht: Naturschutz steht über allem. Aber ich versuche natürlich, so viel wie möglich für den Naturschutz herauszuholen oder zumindest einen Kompromiss zu finden.

taz: Wie erfolgreich war das in der Vergangenheit?

Der Vollhöfner Wald wurde unter Schutz gestellt und ist heute ein Naturschutzgebiet. Er zeigt, dass Hamburg durchaus in der Lage ist, Wald zu erhalten, wenn der politische Wille vorhanden ist – während zugleich in Altenwerder voraussichtlich Grünflächen für den Hafenausbau gerodet werden sollen. Anders sieht es zum Beispiel aus mit dem wilden Wald in Wilhelmsburg, wo wir acht Hektar 60 Jahre alten Wald haben, der wahrscheinlich für den Wohnungsbau gerodet wird.

taz: Hätten Sie einen konkreten Alternativvorschlag?

Muntendorf: Nein. Und natürlich ist mir auch klar, dass Hamburg bauen muss, dass wir bezahlbaren Wohnraum brauchen. Aber ich habe weniger Bauchschmerzen dabei, wenn das Bauvorhaben auf Ackerflächen stattfindet. Es gibt ohnehin wenig Wald in Wilhelmsburg, die Leute dort haben nicht die Möglichkeit, einfach mal zu sagen: Wir kommen hier heraus und genießen die Ruhe. Und vom Prinzip her wäre es natürlich viel besser, wenn man die ganzen Baulücken, die es in Hamburg noch gibt, nutzt oder auf Flachbauten aufstockt. Und mit Nachverdichtung meine ich übrigens nicht, dass man die letzte Grünfläche zwischen den Häusern bebaut, denn die brauchen wir auch.

taz: Das heißt, letzten Endes fordern Sie mehr Fantasie und eine Runde mehr Nachdenken bei den Städteplaner:innen?

Muntendorf: Ja. Mir ist natürlich auch klar, dass so eine magistrale Bebauung schwieriger ist. Dann müssen Eigentumsverhältnisse geklärt werden, da muss aufgestockt werden. Aber für uns als Naturschutzverband geschieht das noch immer zu wenig.

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