: Nur das Wetter muss mitspielen
Die Freiluftkino-Saison ist eröffnet. In lauer Abendluft lassen sich Klassiker und verpasste Filme an oft außergewöhnlichen Orten sehen. Für die Veranstalter:innen ist es allerdings ein Angebot mit Risiko
Von Fabian Tietke
Jeden Sommer ploppen in Parks und auf Plätzen Leinwände aus dem Boden, und die Bandscheiben dürfen sich auf Abende mit immer längeren Filmen auf harten Stühlen einstellen. Ob in der Großstadt oder in kleineren Orten: draußen unter Sternen (oder zumindest dem Abendhimmel) Filme gucken gehört für viele zum festen Programm für Sommerabende.
Während die Säle in klassischen Kinos immer kleiner werden, bieten die meisten Open-Air-Kinos viel Platz für Kinogänger:innen. Das ist Fluch und Segen zugleich: denn die Kinos wollen gefüllt werden. Entsprechend müssen die Betreiber:innen auch mit Blick auf die Unsicherheiten des Wetters mit einer Mischkalkulation arbeiten. Eine Reihe Blockbuster aus den letzten Monaten, ein paar große Indie-Filme, ein paar familientaugliche Komödien und dazwischen eventuell ein paar Klassiker oder Filme mit Lokalbezug.
Wenn man die bislang veröffentlichten Programme durchsieht, ist es vor allem eine Handvoll Filme, die überall gleichermaßen zu laufen scheinen: Paul Thomas Andersons Polit-Actionfilm-Blockbuster „One Battle After Another“ und der Science-Fiction-Film „Der Astronaut – Project Hail Mary“ von Phil Lord und Christopher Miller mit Ryan Gosling als Weltraumfahrer ohne Erinnerungsvermögen. Weiter auch Josh Safdies „Marty Supreme“, der Kreischidol Timothy Chalamet als unsympathischen Tischtennisspieler zeigt, der ganz nach oben will; David Frankel Sequels der Fashion-Dramödie „Der Teufel trägt Prada 2“ und Antoine Fuquas von jedem Inhalt befreites Biopic „Michael“, das einen fiktiven Michael Jackson ohne Probleme zeigt.
Einziger deutscher Film unter den fest gesetzten Filmen der Saison ist Simon Verhoevens „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“, eine brave, aber liebenswerte Komödie über einen jungen Schauspielstudenten, der fürs Studium zu seinen Großeltern zieht.
In München bespielt Kino, Mond & Sterne seit mehr als 30 Jahren die Seebühne mit einer Art Kinobiergarten. Essen darf man sich auf Wunsch mitbringen, Getränke müssen vor Ort gekauft werden und gezeigt werden neben den oben genannten David Dietls Streicheleinheit für die Weißwurstseele „Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang“, eine Reihe von Natur-, Sport- und Reisefilmen und Kirk Jones’britische Sozialkomödie „Verflucht normal“.
Das Sommerkino in der Leipziger Feinkost, organisiert von der Kinobar Prager Frühling, spielt sich im Juni und Juli einmal quer durch das aktuelle Arthouse-Angebot wie Markus Schleinzers „Rose“ ergänzt um Highlights aus den letzten Jahren wie Luca Guadagninos „Call Me By Your Name“.
Ein geradezu fantastisch gutes Programm macht das Mannheimer Cinema Quadrat mit seinem Freiluftkino, das Anfang Juni mit Sam Packinpahs „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ eröffnet und Mitte August mit „One Battle After Another“ endet. Dazwischen laufen Ido Fluks Spielfilm Making-of des berühmten Konzerts von Keith Jarrett im Januar 1975, „Köln 75“, und Tim Fehlbaums „September 5“ über das Desaster deutscher Behörden beim Angriff auf das israelische Team bei den Olympischen Spielen in München 1972. Fehlbaums Film ist ein ebenso kluges wie spannendes Kammerspiel mit Außenszenen.
Inmitten der Herrenhäuser Gärten in Hannover laufen zum Abschluss der Sommernächte vom 19. bis 23. August fünf Abende lang Filme. Den Auftakt macht Fatih Akins „Amrum“, einer der meist unterschätzten Filme der letzten Saison. „Amrum“ basiert auf den Kindheitserinnerungen von Akins Freund und Regiekollegen Hark Bohm in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs.
Noch haben viele Kinos ihr Programm nicht online, aber da sie in den letzten Jahren verlässlich überzeugten und schön gelegen sind, seien sie hier auch aufgelistet: In Dresden kann man Jahr für Jahr vor der wunderschönen Kulisse des Elbufers Filme sehen. Ganz anders, aber fast noch schöner ist das Freilichtkino des Uni Kinos der TU Dresden, „Kino im Kasten“ (in der Regel im Juni und Juli).
Ende Juli bis Anfang August zeigen die Campus Filmnächte im unterfränkischen Aschaffenburg gut eine Woche lang auf dem Gelände der Technischen Hochschule jeden Abend Filme. Im selben Zeitraum veranstaltet das Kommunale Kino im baden-württembergischen Esslingen am Neckar ein Freiluftkino im Innenhof der Burg über der Stadt. Diese beiden Veranstaltungsreihen sind lange vorbei, wenn Ende August im brandenburgischen Elsterwerda der Miniaturenpark für drei Nächte zum Freiluftkino wird.
Gleich den ganzen Sommer hindurch bespielt das Mobile Kino Uckermark knapp 20 Spielorte in Brandenburg und Sachsen. Ein ganz ähnliches Konzept hat das Wanderkino Brandenburg. Eher gegen Ende der Saison zeigt das Filmfest Hamburg kurz vor dem eigentlichen Festival mit einer schwimmenden Leinwand auf der Binnenalster eine knappe Handvoll Filme. Das Binnenalster Filmfest ist ein mehr als würdiger Abschluss der Freiluftkinosaison.
In einem aber sind die Freiluftkinos in Berlin bundesweit fast allein auf weiter Flur: an keinem anderen Ort in Deutschland laufen so viele Filme in Originalfassung mit und ohne Untertitel. Nur die Freiluftkinos in Frankfurt am Main tun es Berlin in dieser Hinsicht gleich: Das Lichter Filmfestival veranstaltet alle zwei Jahre ein Open Air Kino auf den Dachterrassen der Stadt, und das Freiluftkino Frankfurt bespielte in den vergangenen Jahren das ehemalige Polizeipräsidium im Gallusviertel mit einem vielseitigen Programm. Auch zu diesen beiden Orten gibt es leider noch kein konkretes Programm.
Ganz am Ende sei noch ein Berliner Freiluftkino genannt: die Freilichtbühne Weißensee zeigt in diesem Jahr anlässlich des 80. Jubiläums der Defa ab dem 11. Juni vier Wochen lang DDR-Filmgeschichte, darunter Ingrid Reschkes in den letzten Jahren wiederentdeckter letzter Film „Kennen Sie Urban?“ über die Liebe zwischen dem Bauarbeiter Hoffi und der Werkstudentin Gila sowie Iris Gusners „Alle meine Mädchen“ über die Dreharbeiten eines männlichen Filmstudenten bei einer Brigade mit Arbeiterinnen im Berliner Narva-Werk.
Haben Sie Lust bekommen, die Sommertage im Freiluftkino in kühler Abendluft ausklingen zu lassen? Dann muss nur noch das Wetter mitspielen.
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