Noiserock-Erneuerer Dog Dimension: An der Krachmacherfront

Dog Dimension nennt sich eine Band, die sehr gekonnt den Noiserock der Neunziger ins Heute holt. Ihre EP „Rabies“ stellen sie nun auch live vor.

Zwei Männer und eine Faru in lila, orangenem und gelben Overalls

Klamotten rocken, die Band rockt auch: Dog Dimension aus Berlin Foto: Joel Thomas

Manche Stränge in der Pop- und Musikgeschichte verlieren sich einfach so, und man weiß gar nicht richtig, warum. Der Noise­rock der Neunzigerjahre ist so ein Fall – eine Spielart der Rockmusik, die sich während dieser Ära vor allem in den USA stark ausdifferenziert hat.

Es gab so unterschiedliche Bands wie die Melvins, The Jesus Lizard, Girls Against Boys, Chokebore und Shellac. Deren Labels Touch and Go und Amphetamine Reptile Records hatten nicht ohne Grund zu dieser Zeit ihre produktivste Phase.

Die Berliner Band Dog Dimension setzt genau dort an, wo die US-amerikanische Krachmacherfront einst aufhörte. Im Mai ist die nun schon vierte EP der Gruppe erschienen. „Rabies“, übersetzt „Tollwut“, heißt sie, und es ist ein wahrhaft tolles und wütendes Werk geworden. Vieles, was den damaligen Noise­rock auszeichnete – Gitarren mit Wums, Staccatoriffs, groovige Bassläufe, ein dichter, dicker, dringlicher Sound – findet sich in diesen sechs Songs.

Dank der Stimme von Sängerin Josefine Lukschy kommt noch ein gewisser Grunge-­Faktor dazu, der Sound weckt auch Assoziationen an Bands mit weiblichem Gesang aus dieser Zeit – etwa L7 oder Babes in Toyland. Am Samstag wird Dog Dimension das Album im Neuköllner Bechereck vorstellen – gerade live ist diese Band ein Ereignis.

Gegründet haben sich Dog Dimension vor drei Jahren, Josefine Lukschy und Gitarrist Alex Meurer hatten zuvor schon in der Band Bechamel zusammengespielt. Beide kennt man auch aus der experimentellen Musikszene Berlins: Meurer betreibt das Label Bohemian Drips, auf dem auch Acts aus der Echtzeitmusikszene vertreten sind, beide zusammen spielen zudem bei der Klangkunst-Combo „Die Milchstraße Flockt“ und in einem Theatermusikprojekt.

Dog Dimension: „Rabies“ (Dogspeed! Records/Broken Silence)

live:

27. August, 20 Uhr, Bechereck, Berlin-Neukölln, mit Lawns

30. August, Alte Mälzerei, Regensburg

4. September, Kinett Kusel, Kusel

Als Schlagzeuger ist im vergangenen Jahr Immo Hoffmann dazugekommen, auch er ist noch in verschiedene andere Projekte eingebunden, mit Sängerin Lukschy betreibt er The Queef of England (sic), und er ist Drummer der Düsterpopband Glymmar.

Während die Vorgängerband Bechamel ein Underground-Phänomen blieb, ist Dog Dimension zu wünschen, dass ihnen größere Aufmerksamkeit zuteil wird. „Rabies“, Anfang des Jahres aufgenommen und gemischt von Schlagzeuger Hoffmann, ist extrem gut produziert, die eingangs erwähnten Bands sind wohl auch für die wuchtige Albumproduktion Inspiration gewesen.

Dass alle Bandmitglieder viel Erfahrung im Songwriting haben und lange into music sind, ist der EP anzuhören. Lukschy, gebürtige Berlinerin, lernte als kleines Kind Klavierspielen und brachte sich später selbst Gitarre bei, kam dann zu Hip-Hop, Punk und Metal. Meurer, der im bulgarischen Varna aufgewachsen ist und über den Umweg Bayern nach Berlin kam, hat früher Santur und Zither bei der Band Kolophonium gespielt.

Der aus Baden-Württemberg stammende Hoffmann hat Schlagzeug für sehr viele verschiedene Künstler eingespielt, etwa Toni Kater und Fugalo.

Natürlich gab es – gerade in Deutschland – in den vergangenen Jahren auch schon andere Bands, die an die Grunge- und Noiserock-Tradition angeknüpft haben, etwa der ganze Zirkel um die Stuttgarter Band Die Nerven. Doch die Einflüsse scheinen bei Dog Dimension noch breiter gestreut. Metal ist neben Noise­rock die wohl wichtigste Inspiration für das Trio.

Spricht man etwa mit der Gitarrenfraktion Lukschy/Meurer über die Kultcombo Slipknot, hören sie gar nicht mehr auf, abzunerden. Auch das Schlagzeugspiel Hoffmanns ist – etwa durch den Einsatz der Double Bass – gelegentlich recht metallisch geraten.

Musikalisch beeindruckt die Vielschichtigkeit der EP, die Möglichkeiten des Genres werden voll ausgereizt. In „Do It Again“, einem der Kernstücke, arbeiten Dog Dimension mit Gitarrenausbrüchen und Laut-Leise-Kontrasten, wie man sie von der New Yorker Band ­Helmet kennt.

In „Crust“ hört man hohe, schräge Gitarrentöne, ehe sich gegen Ende die Gitarrenattacken häufen. Ein Ausreißer ist das abschließende „Grand Prix“, das mit einem Trip-Hop-Rhythmus daherkommt und sich nicht ganz einfügen will in den Gesamtsound.

Dog Dimension haben bereits begonnen, Songs für ein Album zu komponieren. Zur Überbrückung der Wartezeit ist allen indiegitarrenaffinen Menschen da draußen das Konzert im Bechereck im Schillerkiez am Samstagabend wärmstens zu empfehlen.

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