INTERVIEW: „Noch ist das ein Sieg auf dem Papier“
■ Die grünen Fundi-Frauen unterlagen auf dem Parteitag/ Realpolitikerin Elke Kiltz erhofft sich nun einen Neuanfang
Kurz vor Neumünster stritten sich „Radikalfeministinnen“ und „Realo-Frauen“ bei den Grünen noch einmal heftig. Die Frauen aus der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG), die sich auf Parteitagen bisher immer durchsetzen konnten, wollten es dann wissen: Mit ihrem Positionspapier „Grundsätze feministischer Politik“ stellten sie ihre Vorstellungen vom Feminismus zur Abstimmung. Und unterlagen. Angenommen wurde dagegen der „Ergänzungsantrag“ zur Frauenpolitik, den die Ex- Bundestagsabgeordnete Marieluise Beck-Oberdorf und ihre Mitarbeiterin Elke Kiltz eingebracht hatten. Elke Kiltz war im letzten Bundesvorstand für Frauenpolitik zuständig.
taz: In Neumünster wurde das Grundsatzpapier der BAG mit großer Mehrheit abgelehnt. Die BAG gilt als die Bastion fundamentalistischer Frauenpolitik. Was heißt das für die Zukunft der grünen Frauen?
Elke Kiltz: Wir haben einen Sieg errungen für unsere Sicht des Feminismus, der eben weniger fundamentalistisch ist, sondern darauf ausgerichtet, hier und heute etwas für Frauen zu verändern. Noch ist das allerdings ein Sieg auf dem Papier, den wir erst mit Leben füllen müssen. Wir sollten die BAG aus den Ländern heraus neu beleben. Viele Frauen, die aus Frust rausgegangen sind, könnten nun motoviert sein, sich wieder einzumischen. Auf Bundesebene wollen wir natürlich mit dem neuen Vorstand zusammenarbeiten. Wir können nur hoffen, daß Christine Weiske sich nun nicht zum Sprachrohr der kleinen Gruppe der BAG-Frauen macht.
Wie kann so eine Neubelebung der BAG aussehen? Die Gräben zwischen euch Frauen sind doch unglaublich tief.
Es hat seit der Debatte um das Müttermanifest wahnsinnige Kränkungen und Verletzungen gegeben. Die Frage ist, inwieweit die Frauen der BAG gesprächsbereit sind. Von unserer Seite aus hat diese Bereitschaft immer bestanden. Wenn ein Grundsatzpapier so deutlich unterliegt, dann müßten die Verfasserinnen eigentlich den Dialog suchen.
In Neumünster gab es kein Frauenvotum. Hätte das Ergebnis anders ausgesehen, wenn nur Frauen abgestimmt hätten?
Das glaube ich nicht. Dieser Antrag ist schon gar nicht zu verstehen. Zum einen ist er in einem unverständlichen Soziologendeutsch abgefaßt, zum anderen enthält er innerparteiliche Abgrenzungen, die nur für eine paar „eingeweihte“ Frauen nachvollziehbar sind. Zum Beispiel die Debatte um die „Geschlechterpolitik“. Das verstehen maximal 20 Frauen in der Partei.
Könnte sich euer „Sieg“ in einen Pyrrhussieg verwandeln? Realo-Männer könnten diese Abstimmung dazu benutzen, um Frauenpolitik im Ganzen zu entwerten. Nach dem Motto: Feminismus, das ist jetzt out.
Durch diesen harten Schwesternstreit ist unser Einfluß bei den Grünen tatsächlich kleiner geworden. Wir haben uns sicher selbst geschwächt. Ich befürchte aber nicht, daß die Realo-Männer oder die Männer vom Linken Forum, das sind ja auch Machos, es sich jetzt erlauben können, uns nicht mehr ernst zu nehmen. Im Gegenteil.
In Hessen sieht es anders aus. Dort soll die Stelle der Frauenreferentin eingespart werden.
Es gibt Überlegungen, die Stelle zu reduzieren oder ganz zu streichen. Aber wir werden darum kämpfen, daß das nicht passiert.
Eure Gruppe hat in Neumünster ihrerseits einen Ergänzungsantrag zur Frauenpolitik durchbekommen. Wo liegen die Schwerpunkte?
Uns ging es darum, nach vorne zu blicken. Im Mittelpunkt steht bei uns die Problematik der alten und neuen Bundesländer, die im Positionspapier der BAG nur in einem Nebensatz auftauchte. Wir gehen davon aus, daß im vereinigten Deutschland die Schnittstelle zwischen West- und Osteuropa liegt und damit die Schnittstelle zwischen zwei völlig unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen. Wir hatten im Westen die neue Frauenbewegung, im Osten eine Politik der von oben verordneten Gleichstellung. Das gilt es aufzuarbeiten. Wir könnten voneinander lernen, gemeinsam einen neuen Anschub entwickeln. Interview: Helga Lukoschat
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