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Noch eine FahrtDer lange Weg zu ihr

Über das Zugfahren von Berlin nach Leipzig, das Umsteigen im immer regnerischen Dessau und über die Sehnsucht.

Foto: Donata Kindesperk

E s ist immer das Gleiche: Ich verpasse den Zug nur deshalb nicht, weil er ohnehin verspätet abfährt. Mit der Ring-S-Bahn von Jannowitzbrücke komme ich endlich am Gleis 15 in Berlin-Hauptbahnhof an, die R7 nach Dessau fährt von Gleis 14 ab. Dazwischen steht seit einigen Monaten diese rosa-weiße Wiener Patisserie. Es riecht so gut, dass ich kaum widerstehen kann, mir dort verführerisches österreichisches Gebäck zu kaufen.

Der Zug ist schon voll, bevor wir Berlin verlassen, weil er an den Haltestellen Bahnhof Zoo, Charlottenburg und Wannsee hält. Die Fahrt verläuft ruhig – bis Fußballfans einstiegen. Nun beginnt ein Albtraum: Bierkisten, Essensgestank, Gegröle, manchmal Übergriffe. Zum Glück treffe passiert mir das nur selten an Samstags-Bundesliga-Spieltagen.

Diesmal bleibt alles friedlich: Einige Fahrgäste schauen aufs Handy, manche lösen Sudokus. Kinder nutzen den ganzen Zugflur als Spielfläche. Und dann halten wir irgendwo an und die Fahrt „verzögert sich um einige Minuten“.

Plötzlich sind wir in Roßlau, bald schon in Dessau, wo ich umsteigen muss. Ich habe das Gefühl, Dessau noch nie ohne Regen gesehen zu haben. Der Aufzug im Bahnhof ist seit Ewigkeiten kaputt, die einzige Treppe lässt mich an Massenpanik denken. Ich steige um in die S2 nach Leipzig: Sie wartet schon, fast leer, ich suche mir den besten Platz und ordne meine Sachen.

Es kommt vor, dass ich versuche, mir die Nägel zu lackieren. Häufig muss ich arbeiten. Ab und zu lese ich auch oder schaue aus dem Fenster. Besonders jetzt liebe ich die melancholische Landschaft: Es ist, als säße ich vor einem romantischen Gemälde, nur dass alles in Bewegung ist und die Farben vor meinen Augen ineinanderfließen – Grau, Gelb, Schwarz, Weiß, Dunkelgrün.

Szene

Kleine Geschichten aus dem Alltag, zufällig belauschte Gespräche, Begegnungen, die im Kopf bleiben. Lustiges, Skurriles, Ärgerliches, Trauriges und nachdenklich Stimmendes, Glossen übers Flanieren und die Mythen aus der großen Stadt, aufgeschrieben von den Autor:innen der taz Kulturredaktion. ➝ zur Kolumne

Am Leipziger Hauptbahnhof muss ich durch die Tore, an denen klassische Musik gespielt wird, um die Tram-Haltestelle zu erreichen. Noch eine Fahrt, mit der Nummer 11 – dann bin ich bei ihr. Ich freue mich auf den Wiedersehenskuss und das warme Essen, mit dem sie bestimmt auf mich wartet.

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Luciana Ferrando
Jahrgang 1978, ist freie Autorin. Fast 10 Jahre lang war sie in verschiedenen spanischsprachigen Redaktionen, Zeitungen und Magazinen in ihrem Heimatland Argentinien tätig. Im Jahr 2008 migrierte sie nach Deutschland. Seit 2015 schreibt sie unter anderem Porträts, Reportagen und Kolumnen für deutsche Medien wie die taz, am liebsten über Stadtleben, feministische Themen, Kulinarisches und die Liebe. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Foto: Naïma Erhart
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