: Nicht ohne meinen Teddy
Kuscheltiere gehören in die Kinderwelt. Dabei kann es auch Erwachsenen helfen, bei Schmerzen ein Plüsch-Bison zu drücken oder sich durch einen Stoffhund an schöne Momente erinnern zu lassen
Von Laura Patz
Fünftausend Euro Finderlohn bot ein Galerist aus Bielefeld im vergangenen Sommer für seinen Teddy namens Mini, der während eines Berlin-Besuchs verloren gegangen war. Mehrsprachig bedruckte Flugblätter zeigten den Bären im gelben Anzug. Die Tasche mit wichtigen Dokumenten, die ebenfalls geklaut wurde, war darauf nur eine Randnotiz. Die Geschichte ging schnell in Medien und sozialen Netzwerken viral. Dass lag sicher an der Höhe des Kopfgelds, aber eben auch daran, dass hier nicht ein Kind seinen Teddy vermisste – sondern ein 45-jährigen Mann.
Wie viele Erwachsene ihr Zuhause mit Kuscheltieren teilen, dazu gibt es keine aussagekräftigen Erhebungen – allenfalls Umfragen wie die der Gesellschaft für Konsumforschung aus dem Jahr 2012, laut der jede:r siebte:r Deutsche sein Plüschtier mit in den Urlaub nimmt und wiederum ein Siebtel derjenigen sagt, sie könnten ohne das Tier nicht einschlafen. Darüber offen sprechen würden wohl weniger. Zwischen Erwachsenen und Kuscheltieren scheint die Gesellschaft eine Grenze zu ziehen.
Dabei ist erforscht, dass Kuscheln unabdingbar für Entwicklung und Wohlbefinden ist. Als Neugeborene erfahren wir das durch den Hautkontakt und das Gehaltenwerden von unseren Eltern. „Diese prägende Erfahrung wird oft mit ins Erwachsenenalter getragen“, sagt Julian Packheiser von der Ruhr-Universität Bochum. Der Neurowissenschaftler forscht zu den positiven Effekten von Berührung. „Unsere Untersuchungen haben ergeben, dass der Kontakt mit Objekten wie Kuscheltieren einen ähnlichen Effekt auf unsere physische Gesundheit hat wie menschliche Berührung“, sagt er. Vor allem aktiviert Berührung das Immunsystem. Eine kurzzeitige Verbesserung der Symptome durch Kuscheln ist für Bluthochdruck, Schmerzen oder Stress belegt. Voraussetzung ist dafür immer, dass die Berührung einvernehmlich erfolgt.
Wie eine Art kurzfristig notwendige Medizin beschreibt Vera Hillebrand das Kuscheln ihres Plüschtieres. Appa ist ein fliegendes Bison aus dem Kosmos der Nickelodeon-TV-Serie „Avatar – Der Herr der Elemente“. Als etwa 20 Zentimeter lange flauschige „Wurst mit Beinen“ liegt er in Veras Schlafzimmer. Mit seinem breiten Kopf, den weit auseinander stehenden Augen und den unrealistisch weichen Hörnern lädt Appa Außenstehende nicht unbedingt gleich zum Kuscheln ein. Doch dass er so angenehm ungefährlich dreinblickt, macht den ersten Eindruck wett.
„Vor etwa vier Jahren fing ich an, immer mal wieder nachts mit Panikattacken aufzuwachen. Da habe ich gemerkt, dass es mir hilft, eins meiner Kopfkissen an mich zu drücken“, erzählt Vera Hillebrand. „Und irgendwann dachte ich mir, warum nehme ich nicht gleich ein Kuscheltier? Appa ist ja viel süßer als ein Kissen.“ So liegt das weiß-braune Plüschbison in schwierigen Zeiten nicht mehr im Regal, sondern griffbereit neben dem Kissen der 34-Jährigen. Dort komme es nicht mehr nur bei Panikattacken, sondern auch bei Schmerzen zum Einsatz.
„Der schmerzlindernde Effekt des Kuschelns durch das dabei ausgeschüttete Hormon Oxytocin ist kurzfristig. Doch auch die Wirkung von Schmerzmitteln ist zeitlich begrenzt“, sagt dazu Neurowissenschaftler Julian Packheiser. „Es spricht also nichts dagegen, Berührung in solchen Situationen bewusst einzusetzen.“
Studien zufolge sind Kuscheltiere dem psychischen Wohlbefinden gesunder Menschen etwas weniger zuträglich als menschliche Kuschelpartner:innen. Forschende der Universität Ulm fanden zudem heraus, dass Patient:innen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung häufig eine intensive emotionale Bindung zu einem Kuscheltier haben, das ihnen bei der Emotionsregulation hilft. „Auch Menschen, die unter beginnender Einsamkeit leiden, können von einem Kuscheltier profitieren. Sie haben ja oft weniger Zugang zu Berührung durch andere Menschen“, sagt Julian Packheiser. Wer etwa in eine neue Stadt zieht, der oder dem kann ein Kuscheltier in der Anfangszeit zumindest etwas über die Einsamkeit hinweghelfen, auch wenn es kein dauerhafter vollwertiger Ersatz für menschlichen Kontakt sein kann.
Die plüschigen Gefährten können aber noch einen anderen Zweck erfüllen: Sie erinnern an früher. Wie DoiDoi. Der Kuschelhund der Marke Steiff bekam seinen Namen vermutlich, weil die verdoppelte Silbe für Leonard Kuhnen leichter zu artikulieren war, als DoiDoi zu ihm kam. „Auf beinahe jedem Foto aus meinen ersten Lebensjahren ist DoiDoi zu sehen. Er war damals mein Go-to-Kuscheltier“, sagt Kuhnen. Als er vier war, war DoiDoi plötzlich weg. Verloren. Ein Ersatzkuscheltier, Affe Joko, half über den schmerzhaften Verlust hinweg. „Aber so richtig hat mich DoiDoi nicht losgelassen“, erzählt Kuhnen. „Ich habe als Erwachsener immer mal wieder im Internet geschaut, ob es genau das Modell gebraucht zu kaufen gibt, aber bin nie fündig geworden.“
Ende vorigen Jahres dann, 40 Jahre nach ihrer Trennung, blickten sich Leonard Kuhnen und DoiDoi durch die Schaufensterscheibe einer Oxfam-Filiale in der Kölner Südstadt wieder in die Augen – dabei sind DoiDois schwarze Knopfaugen fast zugewachsen von dickem beigem und haselnussbraunem Plüschfell. „Mein Herz schlug höher und ich habe mich total gefreut“, sagt Kuhnen. „Es war, als wäre ein fehlendes Stück Puzzle meines Leben wieder da.“
In der Psychologie nennt man Gegenstände, die in der Kindheit das Loslassen der Eltern erleichtern, Übergangsobjekte. Sehr häufig handelt es sich dabei um Kuscheltiere. Dass Erwachsene an ihren Übergangsobjekten festhalten, ist einer britischen Studie zufolge keine Seltenheit. Für 80 Prozent der Stichprobe blieb ein Übergangsobjekt weit über den Übergang hinaus relevant. Als Gründe nannten die Kuscheltierbesitzer:innen entweder die bloße Tatsache, dass der Gegenstand aus ihrer Kindheit stammte, dass er eine beruhigende Wirkung habe oder die damit verbundenen Erinnerungen.
Besonders wichtig waren den Befragten ihre Übergangsobjekte während der Schlafenszeit, in Krankheitsphasen oder wenn sie sich traurig oder einsam fühlten. „DoiDois Ersatz Joko habe ich noch heute. Er hat mir tatsächlich viele Jahre als Tränentrockner gedient“, sagt auch Kuhnen. Heute wohnen Affe und Hund auf der Kommode in seinem Schlafzimmer.
Trotz des latenten gesellschaftlichen Stigmas haben weder Leonard Kuhnen noch Vera Hillebrand jemals abwertende oder spöttische Kommentare für ihre flauschigen Mitbewohner gehört. „Als Frau habe ich es da vielleicht auch einfacher, weil man uns eher mal das Niedliche lässt“, sagt Hillebrand. Leonard Kuhnen war die Geschichte von DoiDoi so bedeutsam, dass er sie in einem Instagram-Post festhielt. „Das war so ein schöner, ehrlicher und echter Moment“, sagt er.
Die positiven Rückmeldungen auf seinen Post geben ihm Hoffnung, dass bald noch mehr Menschen ihren Bären, ihren Hund oder ihre Robbe aus der Mottenkiste holen und den Zauber des eigenen Kuscheltiers wiederentdecken.
Teddy Mini aus Bielefeld, der in Berlin verloren gegangen ist, übrigens scheint nie wieder aufgetaucht zu sein. Trotz des hohen Finderlohns. Aber niemand weiß, ob es vielleicht einen anderen Erwachsenen gibt, der jetzt mit ihm kuschelt.
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