: Nicht alles wie gewohnt
In Zeiten von hohen Mieten und Wohnungsnot ist das Konzept der Wohnungsgenossenschaften aktueller denn je. Sie verfolgen das Ziel, bezahlbarem Wohnraum zu schaffen. Einige realisieren darüber hinausgehende soziale Konzepte – die teils aber wiederum ihren Preis haben
Von Cordula Rode
Horrende Mieten und zu wenig Wohnraum vor allem in den wirtschaftlich starken Ballungsräumen. Das ist hier und jetzt eines der drängendsten Probleme. Willkommen im 19. Jahrhundert könnte man auch sagen. Die Wohnungsnot drückte infolge der Industrialisierung seinerzeit ebenfalls. Als Antwort darauf entstanden die ersten Wohnungsgenossenschaften. Das Prinzip ist ebenso einfach wie erfolgreich: Menschen schließen sich zusammen und organisieren sich demokratisch, um sich sicheren und bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Jedes Mitglied erwirbt Anteile an der Genossenschaft und ist somit Miteigentümer. Die Anteile dienen der Genossenschaft als Eigenkapital. Da Genossenschaften nicht auf Rendite abzielen, liegen die Nutzungskosten deutlich günstiger als die Mieten auf dem freien Markt. Hinzu kommt: Bei den meisten Genossenschaften spielen Miteinander und Solidarität eine wichtige Rolle.
Einige Konzepte der Genossenschaften beschränken sich dabei nicht aufs Wohnen. Die 2020 in Tübingen gegründete „Neustart: solidarisch leben und wohnen“ etwa hat gleich ein ganzes Quartier im Fokus. „In den 1990er Jahren wurde im Französischen Viertel ein vielbeachtetes Stadtentwicklungsprojekt umgesetzt, das als ‚Tübinger Modell‘ bekannt wurde“, erzählt Holger Kube Ventura von Neustart. „Es realisierte den dringend benötigten Wohnraum in einem Mix mit Gewerbeflächen und sozialer Infrastruktur.“ Die kleinteilige Parzellierung und die Vergabe an Baugruppen, die sich mit überzeugenden Konzepten um Grundstücke bewerben mussten, ließen ein Quartier mit großer Vielfalt entstehen. Von diesem Vorbild inspiriert entwickelte die Neustart ihr Vorhaben „Maribu“ auf einem Areal der Tübinger Südstadt. Das Wohn- und Lebensprojekt ist gemeinwohlorientiert, ökologisch und flächensparend. Die Abwendung von Privateigentum verhindert jede weitere Spekulation mit Boden und Wohnraum.
„In drei großen Gebäuden sollen rund 160 Wohnungen für etwa 320 Personen und umfangreiche soziale Infrastruktur entstehen“, so Kube Ventura. Bei der Vergabe der Wohnungen werde darauf geachtet, einen Querschnitt der Gesellschaft darzustellen. Alter, Familienstand, Herkunft, Geschlecht, Ausbildung und finanzielle Lage werden bei den Bewerbungen, die dem vorschlagsberechtigten Beirat anonymisiert vorgelegt werden, berücksichtigt.
Die Nachfrage ist groß. Die Miete ist günstig, da sie nur tatsächliche Kosten deckt. Mitglieder müssen sich zuvor aber noch anderweitig finanziell einbringen: ein einmaliges Eintrittsgeld von 250 Euro zahlen und mindestens einen Genossenschaftsanteil für 500 Euro erwerben. Für ihre jeweilige Wohnung müssen sie dann weitere Anteile erwerben, abhängig von der Quadratmeterzahl und davon, ob es sich um geförderten oder freien Wohnraum handelt. Bei staatlich gefördertem Wohnraum, für den ein Wohnberechtigungsschein erforderlich ist, betragen die Anteile pro Quadratmeter 850 Euro, bei frei finanzierten Wohnungen 1.500 Euro. Für eine geförderte Singlewohnung von rund 35 Quadratmetern kommen so rund 30.000 Euro zusammen. Für die Finanzierung dieser Summen stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung: ein spezieller KfW-Kredit, Darlehen oder Zuschuss der baden-württembergischen Staatsbank L-Bank, Wohn-Riester und auch Bausparverträge. Der Vorteil für die Mieter: keine absurden Mieterhöhungen, keine Kündigung aufgrund von Eigenbedarf und eine bunte, lebendige und gut ausgestattete Nachbarschaft.
Beziehungsreiches Miteinander ist auch das Ziel der 2018 gegründeten Genossenschaft vielleben. Die acht Gründungsmitglieder verband der Wunsch nach einer dorfähnlichen Struktur mitten in München. Das erste Projekt, auf das sich die Genossenschaft beworben hat, war ein Grundstück am dortigen Kreativquartier. Doch das Vorhaben erwies sich aufgrund der städtischen Auflagen und der Kosten für eine Genossenschaft als nicht machbar. „Wir haben damals entschieden, unseren Blick über die Stadt hinaus zu erweitern“, erzählt Gründungsmitglied Katrin Frische. „Wichtig ist uns aber immer, dass keine abgeschotteten Wohnquartiere entstehen, sondern Orte, die mit ihrer Umgebung in Beziehung treten.“ Entscheidenden Einfluss auf die Machbarkeit der ländlichen Projekte habe immer die Kooperation mit den örtlichen Bürgermeister:innen und den Anwohner:innen.
So entwickelt die vielleben heute Anlaufstellen für Menschen, die naturnah leben und zugleich verbunden bleiben wollen. Im Mittelpunkt steht nicht der Rückzug ins Private, sondern die Frage, wie Wohnen wieder stärker mit Nachbarschaft, geteilten Räumen und gemeinsamer Verantwortung verbunden werden kann.
Einen für Wohngenossenschaften eher ungewöhnlichen Weg geht die vielleben mit dem Wohnen auf Zeit. Menschen können an gemeinschaftlichen Orten leben, ohne ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft dorthin zu verlegen: Experimentierfelder für ein anderes Wohnen – mit geteilten Räumen, alltäglichen Begegnungen und der Möglichkeit zu erproben, was es heißt, sich zu arrangieren, Unterschiede auszuhalten und Entscheidungen gemeinschaftlich und pragmatisch zu treffen.
Einer dieser Orte ist Borgo Batone in der Toskana, ein Dorf mit kleinen Häusern, Marktplatz, Kapelle und eigener Heilwasserquelle. Wer Teil der vielleben wird, beteiligt sich zunächst mit 3 Pflichtanteilen zu je 500 Euro an der Genossenschaft. Je nach Projekt und gewünschter Nutzung kommen weitere nutzungsbezogene Anteile hinzu. Im Borgo Batone liegt der Einstieg bei rund 50.000 Euro. Diese Summe ist kein Kaufpreis, sondern wird als Genossenschaftsanteil eingebracht und bei einem späteren Austritt nach den Regeln der Satzung wieder ausgezahlt. Bei den Projekten für dauerhaftes Wohnen hängt die Höhe der weiteren Anteile vor allem von der Größe der Wohnfläche und den Projektkosten ab. Enthalten sind dabei immer auch die gemeinschaftlich genutzten Flächen und Infrastrukturen. Für Erstwohnsitze können günstige Kredite für genossenschaftliches Wohnen genutzt werden.
„Auch wenn wir auf Gemeinschaft setzen, ist diese keine Verpflichtung, sondern ein Angebot“, so Katrin Frische. „Wer sich beteiligt, investiert nicht nur in eigene Nutzungsrechte, sondern auch in gemeinsam getragene Räume. Daraus entsteht kein Zwang zur Daueraktivität, sondern die Möglichkeit, Teil eines Ortes zu sein, an dem Nachbarschaft nicht nur zufällig entsteht.“
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen