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Neues Virus, alte Narrative

Der Hantavirus-Ausbruch auf der „Hondius“ reaktiviert die alten Corona-Verschwörungen

Unter einen ARD-Beitrag zum Hantavirus auf Instagram schreibt ein User: „Ich kaufe schon mal Klopapier.“ Erinnerungen an die Coronapandemie kommen zurück. Die Bilder von maskierten, in blaue Schutzanzüge eingekittelten Menschen. Wörter wie „Quarantäne“, „PCR-Test“ und „Ausbruch“ werden von Virologen wieder täglich rezitiert. Die Bild titelt: „Seuchenschiff“. Die Assoziationen sind bekannt.

Und wo Unsicherheit herrscht, schlägt die Stunde der Verschwörungstheorien. „Ich bleibe ungeimpft“ oder einfach „Lüge“ könnte der neue Topkommentar unter Hantavirus-Beiträgen werden. Die WHO wiederholt gebetsmühlenartig, dass keine erneute Pandemie drohe – in den sozialen Medien scheint das nicht anzukommen. Ein Blick auf die gängigen Verschwörungsideen:

Behauptung: Die Pharmaindustrie habe das Virus gezüchtet, um Impfstoff zu verkaufen.

Hauptverbreiterin ist die ehemalige US-Congresswomen Marjorie Taylor Greene, die auf X schrieb: „Sie manipulieren das Virus (Biowaffe), machen die Impfung (Gift) und dann die Profite, weil ihnen die große Mehrheit eurer gewählten Anführer gehört.“ Darunter ein Bild einer Kooperation von Moderna mit dem Korea University College of Medicine aus dem Jahr 2024.

Richtig ist: Es gibt noch keinen zugelassenen Hantavirus-Impfstoff. Moderna bestätigte Bloomberg gegenüber, vor dem Ausbruch an zwei frühen Forschungsprojekten gearbeitet zu haben – eines mit dem U.S. Army Medical Research Institute of Infectious Diseases, eines mit dem Korea University College of Medicine. Nach dem Ausbruch stieg der Moderna-Kurs – ein Effekt, der häufig auftritt, wenn Biotech-Unternehmen in Krisensituationen im Fokus stehen, kein Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang.

Behauptung: Das Hantavirus sei eine Nebenwirkung der Corona-Impfung.

NutzerInnen verweisen auf „Seite 33“ eines Pfizer-Dokuments, auf der eine Hantavirus-Erkrankung unter beobachteten Nebenwirkungen gelistet sei. Die Liste umfasst alphabetisch eine Vielzahl von Krankheitsbildern und beschreibt keine kausalen Zusammenhänge. Ein realer Zusammenhang zwischen Hantavirus-Erkrankung und Corona-Impfung ist weder bekannt noch wissenschaftlich plausibel.

Behauptung: Ivermectin wirke gegen das Hantavirus.

Das Antiparasitikum Ivermectin hatte schon zu Coronazeiten glühende Anhänger, vor allem im Lager der Impfgegner. Nun preist eine Ärztin aus Texas es gegen jegliche RNA-Viren – ihr Beitrag wurde millionenfach angeschaut, Greene teilte ihn. Tatsache ist: Auch große wissenschaftliche Übersichtsarbeiten fanden keine Wirksamkeit von Ivermectin gegen Corona. Für Hantaviren gilt dasselbe.

Behauptung: „Hanta“ sei Hebräisch und bedeute „Betrug“.

Viele NutzerInnen teilten Screenshots, auf denen Grok den Begriff als hebräischen Slang für „Betrug“ oder „Unsinn“ übersetzte. Das eigentliche hebräische Wort חנטהbedeutet je nach Kontext „sie hat einbalsamiert“ oder „sie hat geparkt“ – und hat mit Betrug nichts zu tun. Grok hatte die bereits kursierenden Verschwörungsinhalte als Quelle aufgesogen. X räumte den Fehler ein. Die Erzählung bedient antisemitische Narrative, die aus den Coronaprotesten von 2020 bekannt sind. Tatsächlicher Namensgeber des Virus ist der Hantan-Fluss im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea, wo das Virus 1978 erstmals isoliert wurde.

„Es gibt durchaus Ähnlichkeiten und Verbindungen der Verschwörungserzählungen zwischen Corona und dem Hantavirus“, sagt Josef Holnburger, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas). Das sei kein Zufall. Menschen, die an Verschwörungserzählungen glaubten, entwickelten ein Weltbild, in dem hinter jedem Großereignis eine kleine Gruppe mit bösartigem Ziel steckt – und die Medien Teil der Manipulation sind. Verschwörungserzählungen dienten als Kontrollrückgewinn: „Großereignisse werden damit vom Zufall zu erklärbaren Ereignissen mit einem Plan.“ Die Erzählungen rund um das Hantavirus sind ein Echo der Coronazeit – geprägt von Misstrauen, Kontrollverlust und der Suche nach einfachen Erklärungen. Judith Rieping

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