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„Neues Fleisch“ im Deutschen TheaterGefährlicher Hunger nach Nähe

Mit seiner Virtual-Reality-Produktion lädt Theatermacher Arne Vogelgesang Be­su­che­r*in­nen in ein psychologisches Labor zum Thema Kannibalismus.

Versuchsaufbau im psychologischen Labor im Deutschen Theater Foto: Arne Vogelgesang

Berlin taz | Die Gestalt vor einem verändert sich sekündlich. Je nachdem, wohin der Blick sich richtet, wird sie größer oder kleiner, bekommt lange Arme und Finger, sodass sie wie ein Monster anmutet. Am Schluss pegelt sie sich auf eine geschlechtslose Figur durchschnittlicher Körpergröße ein, allerdings ohne Augen und Nase. Kurze Zeit später, als der zunächst noch skizzenhafte Avatar Haut und Zähne bekommt, sieht er ein wenig aus wie Lord Voldemort mit Schuppenflechte.

Die Virtual-Reality-Produktion „Neues Fleisch“ im Deutschen Theater ist Kunst und Forschungsprojekt zugleich. Ein psychologisches Labor, in dem die Be­su­che­r*in­nen Teil der Geschichte werden – wenn sie es möchten. Die werden zunächst einzeln in einen Raum gebeten, wo sie einen Fragebogen ausfüllen, der nach ihren Ängsten und Vorlieben fragt. Sehen Sie gerne Wunden und Blut? Werden Sie gerne angefasst? Ja. Nein. Kommt darauf an.

Dann wird man in einen kleinen grellweißen Raum geführt und nimmt auf einem weißen Sessel Platz. Dort warten bereits Arne Vogelgesang und Marina Dessau vom Theaterkollektiv internil, die mit ihrer weißen Laborkleidung den Eindruck von zwei freundlichen Dr. Frankensteins erwecken.

Nachdem sie die VR-Brille und die Kopfhörer positioniert haben, verschwindet der Raum und man begegnet jenem gesichtslosen Avatar, begleitet von der sanften Stimme Marina Dessaus, die einem sagt, dass man ja ganz anders aussieht als erwartet – dito.

Körperliche Begegnung der extremen Art

Die Geschichte, die Dessau – beziehungsweise das fiktive Gegenüber – erzählt, handelt von dem Bedürfnis nach Nähe in einer distanzierten Welt voller virtueller Kontakte. Es ist das erste Date, der Avatar deckt einen Tisch und prostet einem zu – der reflexhafte Griff zum Weinglas, das vor einem steht, offenbart, dass man nicht bloß Zu­schaue­r*in ist. Wie sehr man involviert sein möchte, hängt jedoch von einem selbst ab.

Zwischendurch werden einem Fragen gestellt, etwa nach dem Verhältnis zum eigenen Körper in dem virtuellen Raum. Mit der Hand schiebt man eine Kugel in Richtung Zustimmung oder Ablehnung. Dann geht es weiter, tiefer hinein in die Erzählung über die Sehnsucht nach körperlicher Begegnung der extremen Art und „sich zum Fressen gern zu haben“, die auf Vogelgesangs Recherchen über echte kannibalistische Fantasien und Fälle basiert.

Das Wording von der Inbesitznahme des Körpers aus Begehren oder vermeintlicher Liebe erinnert dabei stark an toxische Männlichkeit und Femizide. Spätestens als der hautkranke Lord Voldemort ein scharfes Messer nach dem anderen vor einem auf den Tisch legt, ist Frau versucht, danach zu greifen und dieses auch einzusetzen.

Nach einer halben Stunde ist das Experiment vorbei. Was bleibt, sind die eigenen Gedanken über den Hunger nach Nähe in einer entfremdeten Welt.

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