Neues Album von Shirley Collins: Liebe, mehrere Oktaven tiefer

Einfach und direkt: Das Comeback der großartigen britischen Folksängerin Shirley Collins geht mit dem Album „Heart's Ease“ weiter.

Shirley Collins in ihrem Wohnzimmer

Konservatorin, aber nicht konservativ: Shirley Collins Foto: Enda Bowe

Das Aufregendste an Shirley Collins’ 2016 erschienenem Comeback-Album „Lodestar“ war, dass es überhaupt zustande kam. Was erst mal nichts über die Qualität der Musik aussagt, aber viel über die Umstände ihres Entstehens. Knapp vier Jahrzehnte nach dem abrupten Verstummen und Verschwinden der großen Dame des britischen Folk hatte wirklich niemand mehr mit einer neuen Veröffentlichung gerechnet.

Seither ging es dann Schlag auf Schlag: Vom gefeierten Dokfilm über Collins’ ungewöhnliches Leben zum neuerlichen autobiografischen Buch, von umjubelten Comeback-Konzerten zu einem abermaligen neuen Album, wieder veröffentlicht beim Londoner Indie-Label Domino: „Heart’s Ease“.

Die Frage drängt sich auf: Kann es ohne das Überraschungsmoment des Vorgängers bestehen? Vor der Antwort ein wenig Historie. Shirley Collins ist so etwas wie der Rosettastein des britischen Folk. Ab den späten 1950ern entschlüsselt sie einer jungen Generation die jahrhundertealte britische Lied­tradition. Schon als 17-Jährige singt sie in Londoner Clubs.

Altes, vergessenes England

Begleitet lediglich von einem Banjo trägt sie mit nüchtern kristallklarer Stimme uralte Songs über die Unbill der Fronarbeit auf dem Feld, die zeitlosen Wirren der Liebe und vor allem die Erzählungen aus einem seltsamen alten, beinahe vergessenen England vor. Viele dieser Traditionals kennen Shirley und ihre Schwester Dolly von Kind an. Mutter und Tante singen zu Hause die Lieder der Grafschaft Sussex, so wie es ihre Eltern zuvor getan haben und davor deren Eltern.

Shirley Collins: „Heart's Ease“ (Domino/GoodtoGo)

https://shirleycollins.bandcamp.com/album/hearts-ease

Anderes wiederum bringt sie mit von einem abenteuerlichen Trip durch die USA, wo sie Alan Lomax 1959 hilft, die Lieder britischer US-Auswanderer aufzunehmen. „Wenn ich singe“, schreibt Shirley Collins viele Jahre später in ihrem Buch „All in the Downs“, „dann fühle ich frühere Generationen hinter mir.“ Ihren HörerInnen geht es ähnlich. Kurz die Augen geschlossen zu Collins-Alben wie „Love, Death & the Lady“ oder „False True Lovers“ und man rutscht zurück in der Zeit, viele Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte.

Zugleich aber hilft Collins, diese alte Musik in eine zeitgemäße Sprache zu übersetzen. Gemeinsam mit dem fingerflinken und keinen Stilbruch fürchtenden Gitarristen Davy Graham nimmt sie 1964 das auch heute ziemlich atemberaubend klingende Album „Folk Roots, New Roots“ auf, das mit Einflüssen aus Jazz, Blues und der Musik des Nahen Ostens zum Türöffner für eine Welle neuer britischer Folkbands wird. Von Fairport Convention über die Incredible Stringband bis Pentangle werden sich KünstlerInnen zahlreicher Gruppen von Collins’ Experimentierfreude ermuntert gefühlt haben.

Illustre Gratulantenschar

Wie anhaltend ihr Einfluss noch immer ist, zeigen die Geburtstagsgrüße zum 80. Geburtstag: Auf dem Tribute-Sampler „Shirley Inspired“ verbeugen sich von Blur-Gitarrist Graham Coxton über US-Freak-Folkies wie Josephine Foster bis zum Sonic-Youth-Gitarristen Lee Ranaldo unzählige freie Geister vor ihrem Werk.

Und Shirley Collins selbst verbeugt sich ja auch vor den alten Liedern und vor denen, die sie über die Jahre gesungen haben. Sie sieht sich als Glied in dieser Ahnenreihe aus Stimmen. Weniger Interpretin als Konservatorin. Aus dieser Rolle leitet sie die Art ihres Vortrags ab: einfach und direkt, nie überzeichnet, ohne Dramatisierung.

So gesehen unterscheidet sich die heute 85-jährige Collins nicht von der jungen Vorgängerin im Jahre 1960, auch wenn sie es klanglich sehr wohl tut. Um mehrere Oktaven ist Collins Stimme gesunken, deren eins helles Strahlen ist einer inzwischen tieferen Wärme gewichen. Und doch ist es weiter unüberhörbar Shirley Collins, die hier singt. Die plötzliche Stimmstörung, ausgelöst 1980 durch eine traumatische Trennung, hat Spuren hinterlassen, aber hat sie nicht zerstört.

Natürliche Autorität

Tatsächlich ist das in einem Studio entstandene „Heart’s Ease“ ein stärkeres Album als der noch im Homerecording aufgenommene Vorgänger. Die Spannbreite der zwölf Stücke reicht von einem bekannten Traditional wie „Barbara Allen“ über ein fast vergessenes Stück aus ihrer Zusammenarbeit mit Davey Graham („Sweet Greens and Blues“) bis zur herzrührenden Seemannsballade „Wondrous Love“. Mit natürlicher Autorität und tiefer Verbundenheit zu dieser Musik hält Collins’ Stimme das Dutzend zusammen. Ihre Backingband macht es ihr leicht mit sensiblen, nie die Stimme bestürmenden Arrangements.

Wie weit das neue Selbstvertrauen dieser großen englischen Künstlerin geht, zeigt sich ganz zum Schluss. Wie eine dichte Nebelwand schiebt sich der flächige Hurdy-Gurdy-Drone des Finales „Crowlink“ aus den Boxen, und selbst an diesem experimentellen Schlusspunkt klingt Collins’ entfernt hallende Stimme auf frische Art souverän. Ihr nächstes Album kündigt Collins bereits abenteuerlustig an.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de