Neues Album von Rone: Alles gerät ins Schleudern

Nachts, wenn er nicht schlafen konnte, bastelte Erwan Castex alias Rone an Sounds. „Creatures“ heißt das dritte Album des Autodidakten.

Schlaflos in Paris: Erwan Castex alias Rone. Bild: Timothy Saccenti/Promo

Erwan Castex wäre nie auf die Idee gekommen, seine selbstgebastelten Tracks an ein Label zu schicken. Er verstand sich nicht als Musiker, höchstens ein Frickler wollte er sein. Erst als ein Freund ihn beharrlich dazu ermutigte, wagte er den Versuch, legte sich den Künstlernamen Rone zu und ging mit seiner Musik an die Öffentlichkeit. Wider Erwarten reagierten die angesprochenen Labels ausgesprochen positiv. Rones Wahl fiel auf InFiné, ein auf neue elektronische Klänge spezialisiertes Pariser Label.

2009 erschien sein Debütalbum: „Spanish Breakfast“. Das heimste jede Menge euphorische Rezensionen ein. Die Kritik kürte Rone sofort zu einem der talentiertesten Electronica-Vertreter Frankreichs und sprach davon, sein Sound klinge zugleich rüstig und zart, verwirrend und beschwichtigend. Nun ist sein drittes Opus „Creatures“ erschienen.

Über den unerwarteten Erfolg als Musiker wundert sich der 1980 in Boulogne-Billancourt bei Paris geborene Castex selbst am meisten. Ursprünglich hegte er keinerlei musikalische Ambitionen: Er studierte Film an der Sorbonne Nouvelle. Immer, wenn er mal wieder nicht schlafen konnte, klemmte er sich an seinen Computer und bastelte Sounds und Melodien.

Als Kind hatte er schon Versuche unternommen, ein Instrument zu lernen. Zuerst Klavier, dann Saxofon: „Ich hatte wenig Glück mit meinen Lehrern“, erinnert er sich. „Üben gestaltete sich zu einer Art Pflicht, die mir stets zuwider war.“ Und überhaupt, kam dem Jazzfan schnell die bittere Erkenntnis, er würde sowieso nie wie Charlie Parker spielen können. Er gab auf.

Rone: „Creatures“ (InFiné/Rough Trade); live: Freitag, 27. 2. im „Gretchen“, Berlin.

Die Lust an der Entgleisung

Erst als er realisierte, dass auch sein Computer als Musikinstrument fungieren kann, macht es klick: „Danach versuchte ich zu verstehen, wie alles funktioniert.“

Damals, Anfang der nuller Jahre, waren ihm keine Lehrer bekannt, die ihm in Sachen elektronischer Musik hätten Rat geben können. Für ihn bedeutete das: „Keinerlei Regeln, keine Grenzen, die totale Freiheit!“ Mit gehackten Programmen ging das Experiment los, doch die Software war anfällig, verursachte immer wieder Abstürze. Gerade für den Datencrash begeisterte sich Rone. Solche Kollisionen spornten ihn erst recht an, sich immer weiter in das Austüfteln raffinierter Klangtexturen zu vertiefen.

Inzwischen verfügt er über einen beachtlichen Fuhrpark an Hardware, Synthesizer, Sequenzer und Drumcomputer. Den technischen Luxus versteht Rone als erweiterte Möglichkeit zu schier unbegrenzten Unfallvariationen. Ganz bewusst vermeide er, sein elektronisches Arsenal komplett im Griff zu haben.

„Mich fasziniert das Gefühl, wenn mir die Dinge entgleiten“, sagt er. „Es gibt Tage, an denen ich meine Maschinen bis zum Anschlag aufdrehe, mit der Technik aneinandergerate, nur damit sie sich ein wenig selbst ausdrücken kann.“ Die resultierenden, unvorhergesehenen Klangskulpturen faszinieren Rone derart, dass sie oft den Ausgangspunkt für seine Stücke liefern.

Das Bild eines Vulkans

Der Track „Ouija“ ist nach diesem Prinzip entstanden. Beginnend mit gedämpften Wummern, türmen sich alsbald immer eindringlicher schallende Orgelarpeggien auf, unterstrichen von Rasseln, einer singenden Männerstimme und kühl peitschenden Heart-, Slap- und Clapbeats. Alles gerät ins Schleudern, fängt sich wieder und stapelt sich zu einem geschickt kakofonischen Ensemble auf.

Oft beschwören Rones Kompositionen das Bild eines Vulkans herauf, kurz vor dem Ausbruch: Die Elemente brodeln vor sich hin, erhitzen und verdichten sich zu einer glühenden und zähflüssigen Masse – die dann aber doch nicht immer zünden mag. Frust kommt trotzdem nicht auf.

„Das ist eine Reminiszenz an meine Kindheitstage, als ich an Mutters Rockzipfel hing, während sie klassische Musik hörte.“ Rone liebte „diese langen Stücke, die sich durch allerlei Energien und Atmosphäre schlängeln, Momente der großen sinfonischen Aufregung, die dann plötzlich verstummen – nur um ganz langsam und sanft wieder Fahrt aufzunehmen“. Damals mochte er besonders „die offensichtlichen Sachen“: Chopin, die minimalen Klavieretüden Saties, „oder auch Bartók und sein kindliches Universum. Es war wie Kino!“

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In Frankreich stehen Rones Kompositionen unter dem Generalverdacht, sie würden einem Drehbuch folgen und sich der großen Leinwand geradezu anbiedern. Nein, nein, er wolle lediglich seine Launen widerspiegeln, kontert der Musiker, und einfangen, was er so fühlt, während er die Songs komponiert.

Zorn oder Whiskey

Bei „Ouija“ war das vor allem Zorn, den er sich durch seine Maschinen aus dem Leib schreien musste. Als er sich an „Acid Reflux“ setzte, nippte er dagegen entspannt an einem Glas japanischen Whiskey – und wie hinter einem betäubenden Klangteppich murmeln die gedämpften Sounds des am Stück beteiligten Jazztrompeters Toshinori Kondo.

„Wenn ich den Track höre, spüre ich noch immer die Wirkung des Alkohols“, witzelt Rone, um ernst hinzuzufügen: „Beim Komponieren versuche ich nicht allzu sehr zu intellektualisieren. Ich will meine Ideen einfach nur ausleben, ohne Angst zu haben, mich lächerlich zu machen – und das Gefühl wiederherstellen, das ich hatte, als ich noch für mich allein Musik gemacht habe.“

Der Übergang von der ungezwungenen Anonymität zur großen Bühne hatte starke Selbstzweifel bei Rone ausgelöst: „Als ich mich plötzlich im Scheinwerferlicht wiederfand, vor 10.000 Zuschauern, dachte ich: Was mache ich hier eigentlich? Wer bin ich überhaupt?“ Der Autodidakt befürchtete, er sei nun ein Hochstapler.

2013 erzählte InFiné-Labelgründer Alexandre Cazak der Zeitung Télérama: „Ich musste ihm das Debütalbum quasi aus den Rippen schneiden. Wie kompliziert es beim zweiten Album war, davon will ich gar nicht erst reden.“ Eine monatelange Schaffenskrise hatte Rone schließlich ins Exil nach Berlin getrieben, wo das zweite Werk „Tohu Bohu“ dann doch Gestalt annahm. Von den Künstler-Neurosen ist auf dem neuen Album „Creatures“ nichts mehr zu merken.

Geistesverwandte finden

Auch beim Interview gibt sich Rone betont selbstbewusst, und so wagt man zu fragen, ob er sich bei dem Song „Calice Texas“, der Gesang, Pauken und Blechbläser äußerst melodramatisch aufbläst, möglicherweise etwas verrannt habe? Rone kichert. „An dem Song scheiden sich die Geister! Ein Kumpel ruft mich an und erzählt, er habe vor Rührung geweint. Ein anderer meinte: Was soll dieser Kitsch, ich verstehe dich nicht mehr!“ Rone selbst findet: „Ich habe dabei mit Billo-Sounds geflirtet, aber ich stehe voll und ganz dazu.“

Also keine Krise mehr? Rone widerspricht: „Wenn du als gequälter Mensch geboren wurdest, bleibst du für immer gequält. Aber man kann lernen mit seinen Ängsten zu leben“.

Keine Therapie habe ihm dabei geholfen – sondern die Begegnung mit geistesverwandten MusikerInnen, die über eine weit klassischere Laufbahn verfügten als er. Etwa der Cellist Gaspard Claus, der Multiinstrumentalist Bachar Mar-Khalifé oder Bryce Dessner, Gitarrist der US-Band The National, die Rone bei Festivals kennenlernte.

Er lud sie alle ein, bei „Creatures“ mitzuwirken. Zum Teil schickten sich die Musiker Trackfragmente im Pingpong-Verfahren hin und her, teilweise begaben sich die Beteiligten zum Arrangieren auch zusammen mit Rone ins Studio. „Zunächst war ich ziemlich eingeschüchtert. Ich kann Noten nur schlecht lesen, die Mitmusiker haben mich durch ihre Neugierde und Offenheit von meinen Komplexen befreit.“ Gespielt emphatisch fährt Rone fort: „Wenn mich jemand fragt, was ich beruflich mache, erkläre ich klar und deutlich: Ich bin Musiker.“

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