Neues Album von International Music: Kernobst mit sehr viel Hall

Das Essener Trio International Music veröffentlicht mit „Ententraum“ ein merkwürdig sattes Indierockalbum. Ihr größter Einfluss ist indes: Der Peter!

Die drei Musiker von International Music liegen verkramoft am Boden

Wahrscheinlich zu viel Stechapfel: International Music am Boden Foto: Alfred Jansen

Am Anfang rauscht Wasser. Monotone Gitarren, dumpfe Trommeln. Synthies, die wie Dudelsack-Fanfaren klingen. Dann dreht Peter Rubel den Verstärker auf – zwei glorreiche Akkorde. Dadadamm! „Fürst von Metternich“, Auftaktsong des neuen Albums von International Music, klingt grandios. International Music ist ein Trio aus Essen, das mit seinem Sound tief in die Vergangenheit getaucht ist.

Referenzen und Genres wirbeln nur so durcheinander, wenn von der Songkunst von Gitarrist Peter Rubel, Bassist Pedro Goncalves Crescenti und Drummer Joel Roters die Rede ist. Manche hören Psychedelic und Shoegaze aus ihrem eigenwilligen Amalgam, andere Indie und Country.

„Als hätten sich The Jesus and Mary Chain 1984 in Wattenscheid gegründet und das Ende des Bergbaus vertont“, schrieb ein Kritiker, eine andere erkannte Wiedergänger von The Velvet Underground und Can.

Man darf davon ausgehen, dass International Music ein paar dieser Bands kennen. Vielleicht haben sie aber auch nur kurze Sequenzen in einer Streaming-Playlist gehört, wie das nun mal so ist, wenn man in den zehner Jahren studiert hat. Pedro Crescenti und Peter Rubel, die sich noch aus Schulzeiten in Mainz kennen und dann gemeinsam zum Studium nach Essen gezogen sind, haben ihre eigene Prägung.

Größter Einfluss: Der Peter!

International Music: „Ententraum“ (Staatsakt/Bertus)

„Immer wenn ich nach Bands gefragt werde, die mir wichtig sind, sage ich: Der Peter!“, versichert Crescenti, Jahrgang 1992, glaubwürdig, während er tiefenentspannt im Zoomcall sitzt. „Kennengelernt haben wir uns als 14-Jährige, um zusammen eine Rockband zu gründen. Wir haben uns damals kaum etwas vorgespielt, sondern immer alles selbst gemacht. Wir selbst sind unser größter musikalischer Einfluss!“ Es ist eine Herausforderung, über diese Band zu schreiben.

Jeder einzelne ihrer neuen 17 Songs auf dem Doppelalbum „Ententraum“ enthält so viele charmante Merkwürdigkeiten und akustische Details, liebevoll und mit großem Gespür für Melodien montiert, dass einem der Kopf schwirrt. Als habe man vom glänzenden Stechapfel genascht, der wurmstichig das Cover ziert. Wo sonst ein Blatt wäre, erwächst dem Kernobst eine Vogelfeder. Die Entrücktheit der Musik – sie deutet sich schon hier an.

„Wassermann“ ist Neue-Deutsche-Welle-Sound auf Pilzen, in „Kopf der Band“ klingen sanft verträumte Tropicalia-Einflüsse an. Überwältigend auch „Spiel Bass“: Der Song beginnt als unbarmherziger Postpunk im Stile von Gang of Four und mündet in trippigen Dub, garniert mit Congas. Und immer ganz viel Hall drauf. „Das macht das Gefühl eines Liedes aus“, kommentiert Crescenti. „Wir mögen viel Hall, es haben sich schon Leute beschwert, dass man unsere Texte nicht versteht. Aber Hauptsache, es klingt schön.“

Interessantes Puzzle

International Music haben interessante Puzzleteile von früher aufgelesen und anarchisch und doch vollkommen logisch zu neuen Mosaiken zusammengesetzt. „Ententraum“, das gleich in den Top 15 der Charts landete, ist mit Lust am mehrstimmigem Gesang im ersten Pandemiejahr entstanden – aufgenommen im Essener Proberaum des Trios. Natürlich ist das auch: verzerrter, rougher Rock ’n’ Roll, wie er noch immer zur Genüge von Künstlern in engen Jeans praktiziert wird, die bereits am Knöchel enden. Doch International Music haben so gar nichts von dem Machogestus der Wiener Denimträger Wanda und auch nichts von der selbstverliebten Säuferschwermut von Isolation Berlin.

Sie pflegen zwar ein gewisses Hipstertum, scheinen aber keine Sekunde darauf verschwendet zu haben, ob ihre Texte als „cool“ gelesen werden könnten. Auf dem neuen Album klingt eine Aussage wie „Mein Herz schlägt immer für dich“ tatsächlich vollkommen lakonisch. Wie alle Künst­le­r:In­nen mag Pedro Crescenti seine Kunst nur ungern selbst analysieren. Texte und Titel von International Music entstehen in einem lautmalerischen Spiel, oftmals im Proberaum: „Die Sprache ist eklektisch“, reimen die Musiker in dem Song „Truth is not objective“.

„Die Erosion meiner Lust ist die Korrosion unserer Liebe“. Wie kommt man auf solche Gedanken? „Sprache geht durch Mark und Bein, Gesang muss sofort aufgenommen werden!“, erklärt Pedro Crescenti, verrät aber nicht zu viel. „Textzeilen entstehen aus dem, was sich einprägt und hängen bleibt. Was man auch noch parat hat, wenn man sich erst nach Wochen wieder trifft.“

Peter und Pedro, die so produktiv sind, dass sie nebenbei noch die nicht minder famose Band Düsseldorf Düsterboys anführen, sind die Köpfe der Band. Oder etwa nicht? Das grüblerische Lied „Kopf der Band“ ist so etwas wie der Signatursong des Trios, mittlerweile hat jedes Bandmitglied seine eigene Version. Fast ist man geneigt, zu behaupten: Dies ist die frechste deutschsingende Gitarrenband seit Tocotronic. Wo die Hanseaten beim zweiten Album noch in ihrer Schrammelphase steckten, sind International Music musikalisch schon weiter. „Ententraum“ ist das bisher rätselhafteste Album des Jahres.

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