piwik no script img

Neue Musik aus BerlinWo das dicke Wasser fließt

Jetzt schon eines der Pop-Highlights des Jahres: „Goldener Strom“, das neue Album von Rosa Anschütz ist tanzbar, balladesk und erfreulich rätselhaft.

S o könnte Pop gern öfter sein. Zugänglich, sperrig, bratzig, zärtlich. Auf ihrem zweiten Album „Goldener Strom“ macht die Berliner Künstlerin Rosa Anschütz eigentlich nichts anderes, als zu Clubmusik zu singen. Was die Platte zu einem der Höhepunkte der ersten Jahreshälfte macht, findet sich in den Details.

Da ist die dunkel gefärbte Stimme, in den tiefen Lagen fast abweisend ausdruckslos; wenn sie spricht, meint man Verletzlichkeit herauszuhören. Ihre auf Englisch, im Titelsong ebenfalls auf Deutsch gesungenen Texte, die eher rätselhafte als klare Botschaften verkünden, gehen mit den kalten Synthesizerklängen eine unlösbar feste Verbindung ein. Bei Rosa Anschütz sitzt irgendwie alles auf Anhieb, als hätte sie nie etwas anderes getan.

„Ich bin eine Insel geworden / Und bereue alles“, deklamiert sie im von hohl dröhnenden Bässen getragenen und von Synkopen vorangetriebenen Titelsong. Seit Frank Zappas Hit „Bobby Brown Goes Down“ kann man Zeilen wie „Und ich folge dem goldenen Strom“ zwar nicht mehr so ohne Weiteres als etwas Harmloses betrachten, aber man nehme einfach einmal an, dass es bei Rosa Anschütz um Wasser geht, das „dicke Wasser“ eben.

Das Album

Rosa Anschütz: „Goldener Strom“ (BPitch/Rough Trade)

Genau genommen ist die Musik nicht durchgehend für die Tanzfläche gedacht, ein Drittel der neun Nummern braucht kaum Beat, bewegt sich balladesk langsam, doch vor Rührigkeit bewahren sie ihre elektronischen Klänge, die für ungemütliche Wärme als Gegengewicht sorgen. Geeignet, vom Pop enttäuschte Ohren zu bekehren.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 180 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Tim Caspar Boehme Kulturredakteur

Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.
Mehr zum Thema

0 Kommentare