Neue Energiepolitik in Frankreich: Paris will sechs neue Reaktoren
Die Regierung fragt beim Kraftwerksbetreiber EDF an, ob sie weitere Reaktoren bauen kann. Kritiker fürchten einen Schwenk in der Energiepolitik.
![Modellzeichnung eines Atomkraftwerks Modellzeichnung eines Atomkraftwerks](https://taz.de/picture/3734922/14/Atomkraftwerk-EDF-Frankreich.jpeg)
Ist das nur energiepolitische Gedankenspielerei? Ein Testballon, um die Reaktionen zu testen? Oder auch mehr? In dem Brief wird EDF immerhin sehr konkret aufgefordert, bis Mitte 2021 der Regierung ein umfassendes Dossier mit allen Antworten auf die gestellten Fragen zu liefern. Diese wolle in dieser Frage des Ausstiegs oder Förderung der Atomkraft eine grundsätzliche Entscheidung treffen.
Als detaillierte Vorgabe für die gewünschte Offerte heißt es im Brief an EDF-Chef Jean-Bernard Lévy, die Regierung stelle sich den Bau der drei neuen Anlagen in jeweils vierjährigen Etappen und mit einer Frist von 18 Monaten zwischen der Fertigstellung der beiden Reaktoren vor.
Des Weiteren verlangt die Regierung von EDF eine „Bestandsaufnahme“ der bestehenden AKWs und der Technologie „unter Berücksichtigung der Erfahrungen beim Bau der ersten EPR“ in Flamanville (in der Nähe von La Hague in der Normandie), in Hinkley Point (England) und in Taishan (China).
Weichenstellung in der Energiepolitik
Diese Informationen sollen als Grundlage für eine eventuelle Weichenstellung in der Energiepolitik bis Mitte November dieses Jahres dienen, also relativ kurzfristig. Von den drei Anlagen ist nur die letzte seit 2018 in Betrieb, bei den beiden anderen häufen sich Pannen mit enormen Zusatzkosten – und entsprechenden Verzögerungen.
Außerdem möchten Le Maire und Borne wissen, ob EDF überhaupt die industriellen und finanziellen „Kapazitäten“ habe für eine eventuelle und doch eher überraschende Expansion.
Zur Erinnerung: Präsident Emmanuel Macron hat bereits bestätigt, dass er, wie von seinem Vorgänger François Hollande angekündigt, den Anteil der Atomkraft an der nationalen Stromproduktion von 75 auf 50 Prozent verringern wolle. Macron hat aber inzwischen das ursprünglich auf 2025 festgelegte Ziel dafür auf 2035 hinausgeschoben – und erklärt, für ihn habe die Kernenergie eine Zukunft. Auch eine Antwort auf die Klimafrage.
„Gravierende Änderung der Energiewende“
Falls Macron auf den EPR setzen sollte, wäre das nicht bloß ein Zaudern im Stil „ein Schritt vorwärts, zwei zurück“, sondern eine gravierende Änderung der versprochenen Energiewende.
Die Macron nahestehende Abgeordnete der Regierungspartei République en marche und Ex-Grüne Barbara Pompili meinte dazu: „Dieser Brief (an EDF) ist beunruhigend: Er vermittelt den Eindruck, dass die Entscheidungen bereits getroffen wurden.“ Das meinen auch die AKW-Gegner von Sortir du nucléaire. Sie befürchten, die Regierung plane eine atomare „Flucht nach vorn“ in Missachtung des Wunschs einer Mehrheit, die nicht mehr, sondern weniger AKWs in Frankreich wünsche.
40.000 mal Danke!
40.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Was uns besonders macht? Sie, unsere Leser*innen. Sie wissen: Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Wir suchen auch weiterhin Unterstützung: suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus – schon mit 5 Euro im Monat! Jetzt unterstützen
meistkommentiert
„Edgy sein“ im Wahlkampf
Wenn eine Wahl als Tanz am Abgrund verkauft wird
Denkwürdige Sicherheitskonferenz
Europa braucht jetzt Alternativen zu den USA
Tabubruch der CDU
Einst eine Partei mit Werten
Tod von Gerhart Baum
Einsamer Rufer in der FDP-Wüste
Mitarbeiter des Monats
Wenn’s gut werden muss
Erpressungs-Diplomatie
Wenn der Golf von Mexiko von der Landkarte verschwindet